Einer der größten Rechtsstreite in der US-Pharmageschichte könnte bald beigelegt sein und trotzdem straft der Markt die Aktie der Arzneimittelfirma Merck weiter ab. Der Kurs liegt derzeit auf einem Jahrestief bei etwa 42 Dollar. Analysten halten die jüngsten Kursverluste für übetrieben und rechnen damit, dass die Aktie binnen Jahresfrist etwa ein Drittel zulegt.
STUTTGART. Vor wenigen Tagen hatte Merck
bekanntgegeben, dass mehr als 44 000 der 47 000 Vioxx-Kläger an einem gerichtlichen Vergleich teilnehmen wollen. Das wären mehr als 90 Prozent - nötig war eine Beteiligung von 85 Prozent, damit die geplante Abfindung in Kraft tritt. "Das ist ein positives Zeichen und sollte dabei helfen, den großen Teil der Streitigkeiten beizulegen", sagt Analyst Roopesh Patel von UBS.![]()
In den Klagen geht es um den Vorwurf, dass das Schmerzmittel Vioxx bei den Patienten eine fast doppelt so hohe Rate an Herzinfarkten und Schlaganfällen ausgelöst hat wie Placebos. Merck
nahm das Medikament 2004 vom Markt, musste sich aber dennoch vor Gericht verantworten. Viele Urteile fielen zwar zugunsten des Pharmakonzerns aus - doch in den fünf Fällen, in denen Merck
unterlag, hagelte es hohe Geldbußen.
Infografik: Merck & Co. - Relative Wertentwicklung im Vergleich zur Branche
Im ersten Rechtsstreit bekam die Witwe eines Vioxx-Opfers mehr als 250 Mill. Dollar zugesprochen. Deshalb dürfte die jetzige Einigung, für die Merck
fast fünf Mrd. Dollar bereit hält, für beide Seiten ein guter Kompromiss werden. Die Anwälte der Kläger schätzen, dass die Betroffenen oder ihre Angehörigen im Schnitt 200 000 Dollar bekommen.
Doch Merck
hat noch andere Baustellen. "Der Gegenwind ist stärker geworden in der Branche, vor allem bei den Wachstumsaussichten für Cholesterinsenker", sagt James Kelly von Goldman
Sachs. Keine guten Aussichten für Merck,
dessen Präparat Zocor lange das umsatzstärkste Medikament des Konzerns war.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Zunehmend attraktive Einstiegsgelegenheit
Seit 2006 ist das Patent abgelaufen - seitdem muss sich Zocor gegen nachgemachte No-Name-Produkte, sogenannte Generika, behaupten. Das US-Gesundheitsministerium schätzt, dass nur noch ein Drittel aller in den USA verkauften Medikamente Markenprodukte sind.
Außerdem hat Merck
Probleme mit seinem Bestseller Vytorin. "Bisher stammte ein Viertel des gesamten Unternehmensgewinns von Vytorin und Zetia", einem der Vytorin-Einzelbestandteile, sagt UBS
-Analyst
Patel. Vytorin wird verschrieben, um die Cholesterin-Menge zu senken, die über die Nahrung aufgenommen wird. Doch eine Studie zeigte, dass Vytorin nicht die Plaquebildung in den Herzkranzgefäßen mindert - einen der Indikatoren für Herzkrankheiten.
"Die Reaktion auf diese Studie hat den Kurs in letzter Zeit hart getroffen", sagt Brian Marcks vom Online-Aktienberater Zacks.com. "Jetzt muss Merck
darüber hinwegkommen, vor allem da ja die Verkaufszahlen für die sonstigen Medikamente völlig im Rahmen der Prognosen liegen."
Das Fazit der Experten: Obwohl Merck
noch einige Probleme zu lösen hat, gibt es keinen Grund, an den Fundamentaldaten der Aktie zu zweifeln. Noch immer raten 15 von 23 Banken zum Kauf der Titel, sechs davon vergeben sogar die Bestnote.
"Dass die Aktie in den vergangenen zwölf Monaten fast ein Viertel ihres Werts verloren hat, ist übertrieben pessimistisch", sagt Patel. Immerhin biete der aktuelle Preis "eine zunehmend attraktive Einstiegsgelegenheit", erklärt Kelly. Analysten erwarten zudem, dass Merck
den niedrigen Kurs für ein Aktienrückkaufprogramm nutzt. Das könnte den Gewinn pro ausstehender Aktie steigern.
