0 Bewertungen
28.11.2005 
Analysen und mehr

Protagonisten der Hightech-Spekulationsblase sind wieder aktiv

von Tobias Moerschen

Schönfärber wie Henry Blodget schickten Anleger ins Verderben. Jetzt proben sie das Comeback.

Als die Internet-Börsenblase der 90er-Jahre platzte, deckte Staatsanwalt Spitzer die Interessenkonflikte der Bankanalysten auf. Privatanleger waren entsetzt. Sie wussten nichts von den Nebengeschäften der Wall-Street-Analysten als Investmentbanker.

Als die Internet-Börsenblase der 90er-Jahre platzte, deckte Staatsanwalt Spitzer die Interessenkonflikte der Bankanalysten auf. Privatanleger waren entsetzt. Sie wussten nichts von den Nebengeschäften der Wall-Street-Analysten als Investmentbanker.

NEW YORK. Er ist wieder da. Immer noch jungenhaft, immer noch blond, immer noch diese stechend blauen Augen. Henry Blodget, Jahrgang 1967, einst gefeiert als größter Internetanalyst aller Zeiten, dann verschrien als Betrüger, fachsimpelt wieder. Über "das Internetgeschäft: Unternehmen, Trends, Analysen und mehr ...", wie er selbst neuerdings auf seiner Internetseite "www.internetoudsider.com" schreibt.

Analysen und mehr. Besser hätte Blodget nicht in Worte fassen können, was er als Analyst der Investmentbank Merrill Lynch bis 2001 angerichtet hat: Aktien wider besseres Wissen zum Kauf empfohlen. Seinem Arbeitgeber mit geschönten Analysen zu lukrativen Mandaten verholfen. Anleger, die seinem Rat folgten, verloren viel Geld. Er verlor Job und Ruf. Und jetzt?

Blodget ist nicht der einzige gefallene Star des irrationalen Börsenbooms der 90er-Jahre, der seine Weisheiten wieder verbreitet - über Weblog und über seine Analysefirma Cherry Hill Research. Jack Grubman, einst der führende Wall-Street-Analyst für Telekomunternehmen, wirbt heute als selbständiger Unternehmensberater für seine alte Vision einer Welt, in der Internet, Telefon und Medien eins werden. Und da ist noch Mary Meeker, von der US-Zeitung "Wall Street Journal" einst zur "Königin des Internets" gekürt. Sie hat als einzige des berüchtigten Trios ihren Analystenjob behalten können. Sie pusht bei der Investmentbank Morgan heute die Aktie der Internetsuchmaschine Google, so wie einst den Onlinedienst AOL, dessen desaströse Fusion mit dem Medienkonzern Time Warner Meeker sie als "Hochzeit im Himmel" pries.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Viele Protagonisten der Hightech-Spekulationsblase haben wieder einträgliche Betätigungen

Viele Protagonisten der Hightech-Spekulationsblase haben nach einer mehr oder weniger langen Schamfrist wieder einträgliche Betätigungen gefunden. Neben der Bewahrung ihres Lebensstandards scheint sie der Drang zu treiben, ihre grandiosen Fehlprognosen zu rechtfertigen. Blodget und Grubman lassen sich selbst von einem Berufsverbot nicht abschrecken.

Ein Blick zurück: Im Jahr 2000 jagt Blodget seiner Konkurrentin Meeker den Titel als bester Internetanalyst der Wall Street ab, den das renommierte Magazin "Institutional Investor" jährlich vergibt. Was viele Privatanleger nicht wissen: Sein Arbeitgeber Merrill Lynch, verwendet Blodgets stets optimistischen Studien auch als Türöffner, um bei den bejubelten Unternehmen lukrative Investment-Bankingmandate für Kapitalerhöhungen und Fusionsberatung zu akquirieren. Um die Akquise zu stützen, empfiehlt Blodget selbst Aktien wie Goto.com zum Kauf, die er in einer privaten E-Mail als "Stück Müll" bezeichnet. Denn sein Jahresbonus hängt daran, wie viele Deals Merrill mit "seinen" Internetfirmen einfädelt.

Grubman treibt beim New Yorker Finanzriesen Citigroup das gleiche Spiel - nur noch aggressiver . In der breiten Öffentlichkeit ist der Mann mit den dunklen, buschigen Brauen und der Lücke zwischen den oberen Schneidezähnen weniger bekannt als der telegene Blodget. Doch mit einem Jahresgehalt von 26 Millionen Dollar stellt Grubman den blonden Wunderknaben in den Schatten, der immerhin zehn Millionen Dollar nach Hause trägt. Die Millionen erhält Grubman nicht für brillante Analysen, sondern für die zahllosen Investment-Banking-Aufträge, die seine Jubel-Kommentare und seine exzellenten Firmenkontakte bringen.

Mary Meeker, die Morgan-Stanley-Analystin mit der Vorliebe für schwarze Hosenanzüge, scheint da aus anderem Holz geschnitzt. Statt um Investment-Banking-Aufträge zu werben, weist sie mit ihrem Veto Dutzende obskurer Internetbuden ab, die Morgan Stanley als Emissionsbank für ihren Börsengang gewinnen will. So etwas wäre Blodget und Grubman nie eingefallen. Doch auch die unnahbare Internetkönigin wird schwach: Nachdem viele von ihr verschmähte Börsenkandidaten andere Emissionsbanken finden und die Aktienkurse in die Höhe schießen, lockert sie ihre Prinzipien.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die beiden schlimmsten Beispiele der korrupten Wall Street

Als die Internet-Börsenblase platzt, deckt Staatsanwalt Spitzer die Interessenkonflikte der Bankanalysten auf. Privatanleger sind entsetzt. Sie wussten nichts von den Nebengeschäften der Wall-Street-Analysten als Investmentbanker. Spitzer zwingt die Branche zu einem Paradigmenwechsel. Fortan müssen Wertpapierhäuser Analyse und Investment-Banking strikt trennen. Blodget und Grubman, laut Spitzer die beiden schlimmsten Beispiele der korrupten Wall Street, müssen sich schriftlich verpflichten, nie wieder als Analysten zu arbeiten. Beide zahlen Millionen, um Anlegerklagen beizulegen, sollen aber immer noch über ein erkleckliches Vermögen verfügen.

Grubman gründet 2003 seine Unternehmensberatung Magee Group. Er schafft sich damit eine Plattform, um wieder seine Sicht der Welt zu verbreiten, auch wenn ihm nur noch kleine bis mittelgroße Telekomfirmen statt milliardenschwerer Investoren zuhören. Auf der Magee-Internetseite (www.mageegroup.com). veröffentlicht Grubman eine ellenlange Abhandlung über die Zukunft der Telekommunikation, die nach dem Versuch klingt, seine Analystenpraxis zu rechtfertigen. Das unrühmliche Ende seiner Karriere erwähnt Grubman jedoch in seinem Lebenslauf mit keinem Wort. "Mr. Grubman arbeitete von 1985 bis 2001 an der Wall Street", heißt es dort nur lapidar.

Auch Blodgets heutige Arbeit wirkt wie ein Versuch, die Vergangenheit zu bewältigen. Anders als Grubman kommt der Enddreißiger ständig auf seine Zeit bei Merrill Lynch zurück. So nutzt Blodget in seinem Weblog die Leserfrage nach seiner Meinung über Google zu einer Abhandlung über Anlageurteile. Dabei erwähnt Blodget gestelzt seine "Vereinbarung mit Regulierungsbehörden, wonach ich nie mehr Anlageberatung geben darf". Streckenweise wirkt Blodgets Selbstbespiegelung witzig. Schreiben kann er, das muss man dem studierten Geschichtslehrer lassen, der nach seinem Rückzug von der Wall Street als Kolumnist für das Internetmagazin "Slate" des Softwareriesen Microsoft arbeitet. Als Journalist hatte Blodget auch vor seinem Ausflug an die Wall Street geschrieben.

Lesen Sie weiter auf Seite 4: Der aktuelle Preis von mehr als 400 Dollar der Google-Aktie wirke "keineswegs verrückt".

Zu sagen hat Blodget aber nur noch wenig. Die Frage nach dem fairen Preis der Google-Aktie beantwortet Blodget nach Aufzählung vieler Pro- und Contra-Argumente damit, der aktuelle Preis von mehr als 400 Dollar wirke "keineswegs verrückt".

Die Leserkommentare auf Blodgets Weblog drehen sich denn auch mehr um dessen kontroverse Vergangenheit als um seine aktuellen Ansichten. "Gott schütze uns vor Trotteln wie Dir", schimpft ein Blog-Schreiber unter dem Pseudonym "Venkat", und fügt hinzu: "Du hast nichts aus Deinem Fiasko gelernt." Ein anderer namens "Don Dodge" dankt Blodget dagegen für seine Rückkehr: "Ich habe Deine Einsichten immer genossen." Ob er auch Blodgets Aktientipps beherzigt hat, verschweigt "Don Dodge".

Bleibt Meeker, die dritte im Bunde. Sie stürzt in eine tiefe Krise, als die große Spekulationsblase platzt. Sie vergräbt sich in ihrem Büro in der Morgan-Stanley-Zentrale am New Yorker Times Square und schreibt noch dickere Studien. Beachtung finden diese nicht mehr. Immerhin gewinnen einige ihrer Lieblingswerte wie Amazon und Ebay wieder an Gewicht. Und immerhin übt Meeker als einzige der Drei öffentlich Selbstkritik. Dem Journalisten Charles Gasparino, der den Aufstieg und Fall von Blodget & Co im Buch "Blood on the Street" schildert, sagt sie: "Viele Leute haben durch meine Anlageurteile eine Menge Geld verloren, und damit muss ich bis zu meinem Lebensende leben."

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne

Beiträge zum Thema

Anzeige
Anzeige

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Der Preis des Zögerns  Artikel in Merkliste

01.12.2008

Was mit der BayernLB geschehen ist, dürfte als die teuerste Wahlkampfhilfe der Republik in die Geschichte eingehen. Kommentar

Breakingviews

Nur wer mitmacht, kann gewinnen  Artikel in Merkliste

30.11.2008 von Fiona Maharg-Bravo und Rachel Sanderson, breakingviews.com

Die Lufthansa ist immer noch im Rennen um einen Anteil von zwanzig Prozent an Alitalia – was auch immer aus dem italienischen Carrier einmal werden wird. Aber jetzt initiiert die deutsche Fluggesellschaft in Norditalien ihre eigene Fluglinie und sagt, dies schließe eine Alitalia-Investition nicht aus. Doch es auf eigene Faust zu versuchen, könnte die bessere Option sein. Kommentar

HANDELSBLATT ANALYSTENCHECK

NAME EINSTUFUNG  DIFFERENZ
INFINEON TECHNOLOGIES...  buy +48.37%
BALDA AG  neutral +53.85%
PREMIERE AG  sell -50.74%
INFINEON TECHNOLOGIES...  buy +404.45%
INFINEON TECHNOLOGIES...  buy +83.98%
COMMERZBANK AG  neutral +34.26%
ARCANDOR AG  neutral +11.11%
CONTINENTAL AG  sell -15.75%
DAIMLER AG  neutral +31.29%
PORSCHE AG  buy +84.35%
Anzeige