Der Anlagestratege
Ausländer lieben deutsche Aktien

Mietpreisbremse, Frauenquote, Ausländermaut: Die Politik lässt sich vieles für ihre Bürger einfallen. Doch nicht im Staat entsteht der Wohlstand, sondern in der Wirtschaft. Erkannt hat das jedoch vor allem: das Ausland.
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Ausweislich des neuesten Monatsberichtes der Deutschen Bundesbank liegen knapp 64 Prozent aller Dax-Aktien in den Händen ausländischer Investoren. Bei Betrachtung aller deutschen börsennotierten Aktien liegt der entsprechende Wert bei knapp 58 Prozent.

Damit bestätigt sich einmal mehr der Sonderweg, den die Deutschen beim Thema Kapitalanlage beschreiten. Die offenbare Unmündigkeit der meisten Bürger auf diesem Feld wäre für Immanuel Kant, den Philosophen der Aufklärung, ein Zeichen größtmöglicher praktischer Dummheit. Er wusste allzu genau, dass sich die meisten Menschen ihres Verstandes kaum bedienen und sich viel eher von ihren Vormündern die Richtung weisen lassen, sei es Faulheit oder Mutlosigkeit.

Man stelle sich einmal vor, Ausländern gehörten zwei Drittel des Kölner Doms, zwei Drittel des Brandenburger Tors, zwei Drittel des Hofbräuhauses in München und zwei Drittel des Deutschen Fußballbundes. Was wäre das für ein Aufschrei in Politik, Medien und Öffentlichkeit.

Dass aber fast zwei  Drittel der börsennotierten Unternehmen Deutschlands und damit ein beträchtlicher Teil der deutschen Wirtschaft von ausländischen Investoren gehalten werden, scheint niemanden zu betreffen, geschweige denn zu irritieren. Dabei sollte man nicht vergessen, dass die Wirtschaft unsere materielle Lebensgrundlage erarbeitet und Eigentum daran zu haben offenbar wünschenswert ist.

Man könnte auch grob sagen: Zwei Drittel des seit Jahrzehnten andauernden deutschen Exportüberschusses fließt in ausländische Hände, weil diese Mehrheitseigentümer der exportierenden Unternehmen sind.

In der Politik ist das benannte Phänomen überhaupt kein Thema. Dort fördert man seit Jahrzehnten die Zinsanlagen, insbesondere in Form der Kapitallebensversicherung. Und die steuerliche Bevorzugung von Fremd- gegenüber Eigenkapital hat in Berlin und vormals Bonn lange Tradition. Dabei tut man in Berlin so, als ob die Finanzkrise von 2008 und Folgejahren gar nicht aufgetreten wäre.

Die seitherige Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank stellt jedenfalls für die Bundesregierung keinen Grund dar, die seit Jahrzehnten falsche Förderungspolitik auf dem Gebiet der Geldanlage zu überdenken.

Im Gegenteil: Das regierungsamtliche Berlin sonnt sich nachgerade im Glanz der niedrigeren öffentlichen Zinslasten, die von der Dauernullzinspolitik des Mario Draghi ausgehen. Im Ergebnis wird der sparende Teil der Bevölkerung kräftig in die Mangel genommen; man könnte auch sagen: enteignet.

Zinsanlagen bringen nichts ein außer reale Vermögensverluste und Aktieninvestments sollen künftig noch mit einer zusätzlichen Finanztransaktionssteuer belegt werden. Wie aber die täglich wachsende Lücke zwischen Renditeerfordernissen für die Altersversorgung und der trüben deutschen Anlagerealität geschlossen werden soll, darüber macht man sich in Berlin, wo die beamtete Elite mit staatlichen Pensionsansprüchen ausgestattet ist, keine weiteren Gedanken.

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Ausländer lieben deutsche Aktien

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Die politische Elite hält nichts von Aktien

Kommentare zu " Der Anlagestratege: Ausländer lieben deutsche Aktien"

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  • Bruns bringt die Themen immer wieder auf den Punkt. Herrlich zu lesen!

    Allerdings fürchte ich, dass die Kolumne diesmal leicht daneben liegt, ganz einfach weil die zugrundeliegenden Zahlen nichts taugen.

    Also Herr Bruns, Sie wohnen doch in Chicago und haben sicher ein Konto bei einer dort ansässigen Bank. Mit Aktiendepot - Das ist in Ihrem Falle eine Selbstverständlichkeit. Gehören Sie dann nicht zu jenen "ausländischen Händen", die den sauer erarbeiteten Wohlstand der Deutschen abgreifen?

    Das sei Ihnen gegebenenfalls sehr gerne verziehen. Kann ja jedem passieren, auch mir zum Beispiel. Ich habe zwei Depots, eins im Ausland, wo ich wohne, und eins in Deutschland. Das deutsche Depot ist aber wahrscheinlich gar nicht deutsch. Die Wertpapierverwaltung findet nämlich bei Interactive Brokers in London statt. Immer wenn die kaufen, wandern Aktien also nach England.

    Das ist jetzt alles Kleinvieh, aber das gleiche passiert nach meiner Vermutung auch im grossen Stile: Otto N. kauft ETFs, als Aktienkäufer tritt aber der Emittent aus New York auf. Hasso P. kauft einen Hedgefondanteil, schon vergrössern die Amerikaner (Blackrock) wieder ihren Anteil an DAX und MDAX-Werten. Rentengelder werden von Luxemburg aus angelegt und manch wohlhabender Rentner selbst brütet in Spanien, Südfrankreich oder Norditalien über den Aktienkursen.

    Würde deshalb zu gerne wissen, wie diese Käuferstatistiken wohl zustandekommen. Spiegeln sie die Käuferschar ab oder eher die Stellung Deutschlands als Finanzplatz usw.?

    Klar: Die deutsche Aktienkultur könnte besser sein, egal wie gut oder schlecht sie bereits ist. Den Amerikanern oder z.B. den Schweden hinken wir wohl weit hinterher.

    Den Politikern würde ich deshalb aber keinen Vorwurf machen. Es wäre unverantwortlich die Risikobereitschaft der Sparer anzustacheln, so lange es mit der Finanz- und Währungsstabilität nicht besser bestellt ist.

    Was die dt. Unternehmen selbst tun können: Sparerfreundliche Dividendenpolitik á la USA wäre ein Anfang.

  • >> Ausländer lieben deutsche Aktien <<

    Die meisten Hedge-Fons-Spekulanten sind auch Ausländer.

    Im Inland haben wir noch wenig Heuschrecken.

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