Der Anlagestratege
Der EZB gehen die Argumente aus

Der Euro wird immer schwächer und die ökonomischen Argumente für die Einheitswährung werden immer dünner. Ausharren, Hoffen und Schweigen ist die Handlungsmaxime der Politik. Doch die Realität sieht anders aus.
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Bei Festtagsreden im Kreise von Notenbankern oder in politischen Zirkeln pflegen die Verantwortlichen der Europäischen Zentralbank (EZB) die Einheitswährung Euro als großen und vor allem historischen Erfolg darzustellen. Um die Stabilität und Güte der Währung zu belegen, bedienen sie sich in aller Regel zweier empirischer Argumente.

Sie sagen, der Euro sei eine Währung mit sehr niedriger Inflation. Gerne wird dann der Euro mit der D-Mark verglichen, zu deren Zeiten die Inflationsraten im Durchschnitt tatsächlich deutlich höher lagen.  Freilich bleibt dabei zumeist unerwähnt, dass die Wirtschaft während der D-Mark Zeiten einigermaßen kräftig gewachsen ist und die Produktionskapazitäten hoch ausgelastet waren. Leider kann man das über die Wirtschaftsentwicklung seit der Euro-Einführung nicht sagen. Insofern ist es überhaupt keine Überraschung und auch kein besonderer Verdienst der EZB, dass wir in den vergangenen zehn Jahren kaum noch Preisdruck aus den amtlichen Inflations-Statistiken herauslesen können.

Insgesamt ist die Wirtschaft seit der Einführung des Euro nur kaum gewachsen, so dass Aufwärtsdruck für die allgemeine Preisentwicklung schon von daher gar nicht weiter zu erwarten war. Ein Übriges ist zudem noch dem Phänomen der Globalisierung sowie dem Internet geschuldet, welches zunehmend dafür gesorgt hat, dass eine ubiquitäre Logistik-Maschine uns Güter aus der ganzen Welt zu niedrigen Preise bis an die Haustür liefert.

Das zweite empirische Argument, das von den Zentralbanken stets zugunsten des Euro angeführt wird, lautet: Diie Einheitswährung hat im Außenwert gegenüber anderen Weltwährungen deutlich an Wert zugelegt. Tatsächlich muss man der Behauptung zustimmen, dass der Außenwert des Euro gegenüber den meisten großen Weltwährungen seit seiner Einführung gestiegen ist. Ob das nun ein Zeichen der Stärke des Euro ist und ob man sich dabei mit anspruchsvollen Vergleichsmaßstäben misst, das steht freilich auf einem ganz anderen Blatt, denn bekanntlich sind US-Dollar, japanischer Yen und britisches Pfund sportliche Gelddruck-Währungen.

Wie dem aber auch sei, seit einigen Wochen ist der Kurs des Euro vor allem gegenüber dem US-Dollar deutlich und ungewöhnlich rasch ins Purzeln gekommen. Die Verfallsgeschwindigkeit gibt Anlass zur Sorge.  Nun ist aber hinlänglich bekannt, dass die EZB mit einem niedrigeren Eurokurs sympathisiert.

Die jüngste Wechselkursentwicklung wirkt jedoch einigermaßen ungesteuert. Immerhin aber darf sich die europäische Notenbank des kräftigen Beifalls der Südländer gewiss sein, die mit Währungsabwertungen gemäß dem kollektiven Gedächtnis dieser Nationen gute Erfahrungen gemacht haben. Allen voran Frankreich und Italien wünschen sich händeringend einen noch schwächeren Euro in der Hoffnung, fehlende strukturelle Wettbewerbsfähigkeit und mangelnden Reformwillen durch niedrigere Wechselkurse ausgleichen zu können. Bei diesem Gedanken handelt es sich jedoch überwiegend um Wunschdenken, zumal die Währung des jeweiligen Haupthandelspartners Deutschland ebenfalls Euro heißt und insofern kein Abwertungsvorteil auftritt.

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Die vermeidbaren Fehler der deutschen Politik

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  • Der Euro wird immer schwächer und die ökonomischen Argumente für die Einheitswährung werden immer dünner. Ausharren, Hoffen und Schweigen ist die Handlungsmaxime der Politik. Doch die Realität sieht anders aus.

    Was mich am meisten stört ist die Untätigkeit der Politk. Wir wären vermutlich schon sehr viel weiter, wenn die Bundesregierung mehr Druck auf Italien oder Frankreich ausüben würde. Und wir wären schon weiter, wenn auch Deutschland seine Hausaufgaben gemacht hätte.

  • Sehr guter Artikel, den werde ich mir als Argumentationshilfe in meinem Bekanntenkreis aufheben!

  • Herr Bruns,

    völlig richtig (Stichworte: Exportüberschussweltmeister, Kapitalexportweltmeister, Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft, Lohndumping ohne Währungsaufwertungskorrektiv, Sozialdividende etc.)

    Aber, das hilft alles nichts: Der € ist alternativlos, und stirbt er, dann stirbt €pa.

    Und wenn jemand wider den Stachel löckt – dann gibt’s Kommentare die einem den Tag retten (You made my day, nicht war Herr Stock? / http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/leserbriefe-zum-lucke-interview-liebe-afd-freunde-/8216084.html)

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