Der Anlagestratege
Der gläserne Steuerbürger wird Realität

Steuerlich werden Erträge aus Aktienanlagen in Deutschland schon lange stark diskriminiert. Statt für Steuergerechtigkeit zu sorgen, geht es dem Staat nur um die eigenen Einnahmen, das zeigt auch ein neues Abkommen.
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Ein Bankgeheimnis gibt es nicht mehr. Die 50 wirtschaftlich führenden Länder der Welt haben beschlossen, einen umfassenden Finanzdatenaustausch vorzunehmen. Den Behörden ist nunmehr national und international der Blick in die Konten und Steuerdaten aller Bürger eröffnet. Der gläserne Steuerbürger wird Realität.

Sofern diese umfassende Staatsaufsicht zu Steuergerechtigkeit führt, mag man sie begrüßen. Alle Erfahrung deutet aber darauf hin, dass die eigentliche Absicht der geschlossenen Vereinbarungen darin liegt, die Steuereinnahmen zu erhöhen. Jedenfalls ist es kein Zufall, dass der Ausdruck „aufkommensneutral“ in der Diskussion gar nicht auftaucht, obwohl ja zusätzliche Einnahmen von Steuersündern zur Entlastung der Steuerehrlichen verwendet werden könnten.

In Deutschland haben die getroffenen Abkommen zum Datenaustausch die erwartbaren Rituale in den politischen Lagern geweckt. Kaum war die Tinte unter den Datenaustauschverträgen trocken, da wurde bereits die Abschaffung der Abgeltungssteuer und die künftige Besteuerung von Kapitalerträgen nach den persönlichen Einkommensteuersatz gefordert, in der Hoffnung, die seit Jahren sprudelnden Steuerquellen noch üppigere Fontänen werfen zu sehen.

Für Zinsanleger ist diese Entwicklung unerfreulich, denn die Abgeltungssteuer dürfte regelmäßig unterhalb des jeweiligen persönlichen Steuersatzes liegen. Insofern ist das staatliche Scharren mit den Steuerhufen sehr verständlich. Die Obrigkeit weiß allzu genau, dass die Deutschen ihr Erspartes ganz überwiegend zinsgebunden anlegen, wenngleich viele dieser Anlagen steuerprivilegiert sind, wie zum Beispiel bei der klassischen Kapitallebensversicherung. Gedämpft werden die Hoffnungen des Staates jedoch durch die Dauernullzinspolitik der Europäischen Zentralbank, so dass die Einnahmen aus der Besteuerung von Zinsanlagen zum Ingrimm des Finanzministers für längere Zeit mager ausfallen dürften.

Gänzlich anders liegt der Fall bei der Besteuerung von Kapitalerträgen aus Aktienanlagen. Im Gegensatz zu Zinsanlagen werden Dividendenausschüttungen steuerlich in Deutschland stark diskriminiert, indem Unternehmensgewinne zuerst im Unternehmen und im Falle der Ausschüttung zusätzlich beim Anleger zu versteuern sind. Diese Doppelbesteuerung ist unsystematisch, produziert unverhältnismäßig hohe Steuersätze und ist daher zutiefst ungerecht.

Mehr noch: Sie trägt im Ergebnis dazu bei, dass die Deutschen Aktienanlagen meiden und somit kaum an ihrer Wirtschaft beteiligt sind. Inzwischen ist in den letzten Jahren durch diese zum Teil staatlich gelenkte Fehlentwicklung ein Vermögensschaden von mehreren hundert Milliarden Euro entstanden. Mit Altersarmut wird unsere Gesellschaft langfristig diesen Schaden bezahlen müssen.

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Eine Doppelbesteuerung muss verhindert werden

Kommentare zu " Der Anlagestratege: Der gläserne Steuerbürger wird Realität"

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  • Sehr geehrter Herr Bruns,

    zweifelsohne kann man die Doppelbesteuerung und damit Benachteiligung der Aktie kritisieren. Aber wie Omarius schon schrieb ist der Kapitalanleger damit immernoch deutlich besser gestellt als der Arbeiter der in aller Regel deutlich mehr als 25% Steuern auf seinen Arbeitslohn hat.
    Vor allem aber liegen Sie mit Ihrer Analyse falsch, dass die Doppelbesteuerung der Grund für die zurückhaltende Aktienkultur der Deutschen ist. Denn für mich als Kleinanleger ist es zunächst mal egal ob der Unternehmensgewinn besteuert wird und anschließend bei mir nochmal die Dividende, so lange der Ertrag nach Steuern höher liegt als z.B. bei Festgeld (was momentan der Fall ist) ist die Aktienanlage für mich attraktiver. Den meisten fehlt doch schlicht der ökonomische Sachverstand, die sind sich dieses Umstands doch gar nicht bewusst. Die Zurückhaltung ist doch wohl eher historisch und durch mangelnde ökonomische Bildung begründet.

  • Da ist nichts mehr hinzuzufügen.

  • Alle Steuergesetze der Vergangenheit wurden von Steuerbeamten, nicht von Privaten verfasst. Dies hier ist ein Eingeständnis, dass die Steuerbeamten in der Vergangenheit nicht in der Ykage waren ordentliche Steuergesetze zu formulieren.

    Und jetzt ausgerechnet wollen die gleichen Beamten behaupten, den Stein der Weisen entdeckt zu haben?

    Kein Wort glaube ich denen, die sogar Steuergelder für den Erwerb von Hehlerware einsetzen und ausländische Bürger zur Begehung von Straftaten anstiften. Sie gehören dahin, wo andere Bürger mit ähnlichen Straftaten auch hin gehören.

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