Der Anlagestratege
Die Wall Street hängt Europa ab

Es ist ein Treppenwitz der Geschichte: Europa wird nicht, wie einst vom damals Kommissionspräsident Barroso prophezeit, bis 2020 den wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsraum stellen. Stattdessen ziehen die USA vorbei.
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Das Jahr 2014 schickt sich an, ein Jahr der Entkoppelung zwischen Europa und den Vereinigten Staaten zu werden. An den Börsen wird diese Tendenz bereits seit Monaten sichtbar. Dort sprintet der amerikanische Aktienmarkt in Fortsetzung seiner fast sechsjährigen Hausse den europäischen Börsen voran. Im Konzert mit anderen wichtigen Aktienmärkten außerhalb Europas haben die Kurse an der Wall Street mittlerweile zweistellig zugelegt. Derweil behaupten deutsche Aktien gerade einmal die Null-Linie, wobei – anders als bei den meisten ausländischen Indizes – Dividenden im Dax bereits mit eingerechnet sind. 

Ein ganz ähnliches Bild finden wir an den Devisenmärkten, wo der Dollar zuletzt einen Kurssprung gegenüber der europäischen Einheitswährung Euro vollzogen hat. Im Wesentlichen ist diese Entwicklung der Einsicht der Marktteilnehmer geschuldet, dass die große Finanzkrise und Rezession in den vereinigten Staaten weitgehend überwunden ist, während Europa sich bislang nicht aus den Fängen der Krise hat befreien können.

Tatsächlich sind die ökonomischen Hoffnungen im Euroland mittlerweile weitgehend zerstoben, die anfänglich an die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank gekoppelt waren. Zwar konnten viele systemrelevante Banken inzwischen einen größeren Eigenkapitalpuffer aufbauen und auch die Haushalte der Euro-Mitgliedsstaaten sehen sich einer erfreulichen Entlastung ihrer Zinsbudgets gegenüber. Derweil aber bleibt die Wachstumsdynamik in vielen Ländern schwach bis rezessiv und auch die Eindämmung der Staatsneuverschuldung gelingt den meisten Regierungen nicht. Mit negativem Beispiel marschieren hier Frankreich und Italien stolz voran.

Demgegenüber weisen die USA positive Tendenzen beim Wirtschaftswachstum, bei der Reduzierung des Haushaltsdefizites und beim Arbeitsmarkt auf. Entsprechend nimmt es nicht Wunder, das an den amerikanischen Finanzmärkten eine gewisse Sorge vor Zinserhöhungen durch die Fed besteht.

Solcherlei Ängste braucht man in Europa angesichts der allzu offenbar geworden Strukturschwächen und der angekündigten Dauernullzinspolitik nicht haben. Vielmehr sieht sich in der alten Welt die Europäische Zentralbank gezwungen, weitere geldpolitische Maßnahmen zu ergreifen, um insbesondere den Krisenländern unter die Arme zu greifen.  

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Verbale Lachnummern

Kommentare zu " Der Anlagestratege: Die Wall Street hängt Europa ab"

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  • Ein guter Artikel. Der schon lange andauernde Niedergang Europas ist leider eine Tatsache. Nicht nur die Wall-Street hängt Europa ab, auch gegenüber den anderen Wirtschaftregionen verliert Europa an Boden. Leider ist diese Entwicklung gerade für Europa besonders verhängnisvoll. Schon jetzt können die im internationalen Vergleich sehr hohen Sozialausgaben der europäischen Länder nur mit neuen Schulden finanziert werden. Aber immer neue Schulden machen wird nicht ewig funktionieren. Wenn dann erst die Babyboomer das Rentenalter erreicht haben, zerbricht ein wirtschaftlich schwaches Europa an der Last.
    Wie konnte es soweit kommen? Die Politik und die Berichterstattung in den Medien waren stets geprägt vom rot-grünen Wunschdenken. Wohin so ein jahrelanger Realitätsverlust jedoch führt, macht Frankreich gerade vor.
    Statt in den bei uns so beliebten Anti-Amerikanismus zu verfallen (wie im Vorgängerkommentar), wäre eine schonungslose Problembetrachtung ohne neosozialistische Scheuklappen der erste Schritt in eine bessere Zukunft.

  • naja der "boom" der USA beruht auf statistik tricks...das sollten sie aber wissen als Fachmann...

    ohne die Riesige Militär Maschiene würde dennen keiner geld leihen.... und wenn nicht real 400 MRd im jahr ins land fliessen klappt den US sofort ihr System weg...

    man hat ja nicht umsonst den Gold Standart des Dollars gekippt...^^

    das ändert natürlich nichts an der LAge der EU.....

    anderseits muss man festhalten das die Subprime krise durchaus als "währungs"angriff auf die EU durchgehn könnte...

    aber das sind ja unsere Freunde......

    und während wir RUS sanktionen androhen schliessen US firmen mit Rosneft neue verträge..^^

    „Das Abendland geht nicht zugrunde an den totalitären Systemen, auch nicht an seiner geistigen Armut, sondern an dem hündischen Kriechen seiner Intelligenz vor den politischen Zweckmäßigkeiten.“

    Gottfried Benn

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