Der Anlagestratege
Dummes deutsches Geld

In den USA ist es ganz natürlich, als Venture Capital-Geber oder über Private Equity-Fonds Geld in frische Unternehmungen zu stecken. Der deutsche Kapitalmarkt ist da nur ein Abklatsch. Die Welt belächelt Deutschland.
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Auf dem CDU Parteitag in Wismar diagnostizierte Bundeskanzlerin Merkel am vergangenen Wochenende eine sehr hohe und weiter zunehmende technologische Abhängigkeit Europas von Amerika und Asien. Fürwahr, Frau Merkel musste ja vor wenigen Monaten zu ihrer eigenen Überraschung persönlich feststellen, zu welchen Überwachungs- und Abhörfähigkeiten der technologisch enteilte Verbündete USA mittlerweile fähig und willens ist.

Besonders originell war die Merkelsche Analyse indes nicht, denn die meisten Bürger können in ihrem täglichen Kontakt mit Informationstechnik hinlänglich feststellen, dass selbige ganz überwiegend aus Asien und den Vereinigten Staaten stammt. Die Namen Facebook, Apple, Google, Twitter und Amazon kennt inzwischen jedes Kind, womit ihre Dominanz – zumal bei der jungen Generation – bereits angedeutet ist.

Während amerikanische Adressen in der Regel Eigentümer und Erfinder bzw. Weiterentwickler der Technologieunternehmen sind, konnten sich asiatische Unternehmen in den letzten zwei Jahrzehnten als Produktionsstandort und Werkbank für die gefertigten Technologiegüter etablieren.

Was der Bundeskanzlerin jedoch fehlt ist eine wahrhaftige Diagnose des Zustandes Europas und vor allem eine wirksame Therapie, um die „europäische Krankheit“ zu überwinden. Stattdessen etabliert man in EU typischerweise einen Kommissar, um der zunehmenden technologischen Rückständigkeit die Stirn zu bieten.

Die Sache wird dadurch nicht besser, dass mit Günter Oettinger ein Deutscher diesen Posten übernimmt. Der habitualisierte innere Impuls der meisten europäischen Länder, zu meinen, man könne mit mehr zentraler Lenkung aus Brüssel oder den Hauptstädten die Wettbewerbsfähigkeit stärken, ist wohl in sich selbst der größte Hemmschuh für den angestrebten Erfolg.

Besondere Ahnungslosigkeit herrscht seitens der deutschen Politik bei der Analyse der amerikanischen Erfolge im Technologiesektor. In Berlin ahnt man nicht einmal, dass vor allem ein gut funktionierender Finanzmarkt die Ursache oder mindestens die Bedingung für das Entstehen und Gedeihen neuer Unternehmen in den USA ist.

Die Begleitung der Unternehmen von der Wiege bis zu Bahre (Venture Capital, Private Equity, Hedgefonds, Pensionsfonds, Investmentfonds, Vulture Fonds, etc.) bildet den Nährboden für die Entwicklung und den eventuellen Durchbruch junger Unternehmen. Ohne die Risikoübernahme am Finanzmarkt wären die Entwicklungen von Uber, Amazon, Google, Flipkart, Xiaomi, Cloudera und Tesla gar nicht vorstellbar.

Kommentare zu " Der Anlagestratege: Dummes deutsches Geld"

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  • Natürlich kann man in den USA ganz innovativ 635 Mio Dollar in 2013 mit Twitter verbrennen. Allerdings nur solange der Rest der Welt auch nützliche Waren im Austausch gegen FIAT-Dollar liefert.

    Ich verfolge die Diskussionen in den USA warum Facebook anders als Netscape sei.
    Dass es keinen Wettbewerber gäbe der so eine Struktur aufbauen und ersetzen könne.
    Ich glaube das haben andere Firmen in den USA früher auch schon behauptet.

    Apple verbindet Innovation mit Design und Prestige. Das würde man in Europa zwar auch hinbekommen aber man konzentriert sich lieber auf andere Produkte. Was uns komplett fehlt ist ein deutscher Politiker der sich hinstellt und wie Clinton vor 15 Jahren ganz offen sagt dass die amerikanischen Geheimdienste auch Wirtschaftsspionage zum Nutzen der USA betreiben sollen.

  • Zitat: "Wie wäre es, wenn Frau Merkel in den kommenden Monaten und Jahren das Thema „Verbesserung der Investitionsbedingungen in Deutschland“ zur Priorität erhöbe? Ein Anfang könnte gemacht werden, indem eine Agenda 2020 ausgerufen würde, mit dem Ziel eines schlanken Staates und erheblicher Reduzierung der viel zu hohen Abgabenlasten."
    Herr Bruns, verraten Sie uns dann nächste Woche, wovon Sie nachts träumen?
    Wir haben im BT nur noch staatsgläubige, sozialistische Parteien. Und unter Investitionen versteht inzwischen der größte Teil der Bevölkerung, dass der Staat Geld von Bürgern und Unternehmen nimmt, um es dann in auszugeben. Wer im herkömmlichen Sinn als Privatmensch in Erwartung einer Rendite investiert, ist ein pöser, pöser Zocker oder schlimmer noch ein Reicher.

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