Der Anlagestratege
Ein kleines Zinsbeben als Vorgeschmack

Auf den Anleihemärkten hat sich die wahrscheinlich größte spekulative Blase der Menschheitsgeschichte gebildet. Ob und wann die platzt, liegt in der Macht der Notenbanker. Ein schwieriges Unterfangen.
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Selten kommt es vor, dass der deutsche Finanzmarkt in das Zentrum internationaler Aufmerksamkeit gerät. Zu unbedeutend ist der hiesige Aktienmarkt inzwischen, als das er weltweit stärkere Beachtung finden könnte. Und über eine eigenständige und vor allem starke Währung verfügt das Land nicht mehr. Etwas besser sieht es mit dem deutschen Anleihemarkt aus. Angesichts der in Deutschland vorherrschenden Fremdkapital- und Schuldenmentalität genießt der Markt für deutsche Staatsanleihen als europäischer Leitmarkt auch weltweit eine gewisse Beachtung. Entsprechend lebhaft werden Zinsderivate wie beispielsweise der Bund-Future gehandelt.

In den vergangenen vier Wochen erfreute sich dieser Markt nun einer grandiosen Beobachtungsdichte, nachdem ein bekannter amerikanischer Zinsfondsmanager verlautbaren ließ, er sehe nahezu die beste Anlagemöglichkeit  seines Lebens darin, auf  ein Ansteigen der Zinsen in Deutschland zu setzen. Es dauerte dann nicht lange, bis in der Tat die marktführende deutsche zehnjährige Staatsanleihe binnen kurzer Zeit von 104 auf 98 purzelte. Mit diesem Kursverlust stieg die Rendite von 0,10 Prozent auf 0,7 Prozent.

Für die Zinsanleger war dieser kleine Renditeanstieg ein kleines Kursbeben, denn derartige Abschläge bei Zinspapieren hat man in Deutschland lange nicht mehr beobachten können. Hinzu kam noch die weltweite Prominenz des Kursverlustes, denn nahezu alle europäischen und auch nordamerikanischen Anleihemärkte nahmen sich am Bund-Future ein Beispiel und rauschten nach unten. Auch der REX-P, der als Index die Wertentwicklungen deutscher Anleihen misst, verzeichnet seit Jahresbeginn einen Rückgang. An der Börse kann man sich jedoch kaum mehr an Jahre erinnern, in denen mit Zinspapieren auf Jahressicht einen Verlust einstreichen konnte.

Nun, Anleihegläubiger werden sich nach 34-jähriger Super-Hausse über kurz und wahrscheinlich eher lang an den Gedanken knackiger Kursverluste bei langlaufenden Anleihen gewöhnen müssen. Da die private Altersvorsorge der Deutschen ganz überwiegend an der Zinsentwicklung hängt, droht hier mächtiges Ungemach. Zwar sprang Mario Draghi, der Euro-Retter und Präsident der Europäischen Zentralbank den Geschockten inzwischen mit der Zusage vorgezogener Bondkäufe bei; jedoch weiß jeder aufmerksame Börsenbeobachter, dass es sich bei der Kursentwicklung auf den Anleihemärkten wahrscheinlich um die größte spekulative Blase der Menschheitsgeschichte handelt.

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