Der Anlagestratege
Helmut Kohls großer Euro-Irrtum

In seinem neuen Buch schreibt der Altkanzler seine Sicht über die Gründung des Euro. Professionelle Geldanleger erstaunt die etwas schiefe Sicht der Dinge. Droht eine Legendenbildung?
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Altbundeskanzler Helmut Kohl hat sich mit einem Buch in der Öffentlichkeit gemeldet. Darin bekräftigt er einmal mehr seine Sicht auf die historischen Entwicklungen in den letzten drei Jahrzehnten. Inhaltlich kommt er dabei selber glänzend weg, während seine Amtsnachfolger tüchtig getadelt werden. Überhaupt kann man bei Helmut Kohl eine Neigung diagnostizieren, mit Selbstkritik äußerst sparsam und bei der Kritik Dritter sehr großzügig zu sein.

Wenig überraschend ist des Altkanzlers Perspektive auf den Euro ausgefallen. Kohl sieht den Euro als kluge und notwendige ökonomische Klammer, die die einzelnen Staaten des Euroraums aneinanderbindet. Immerhin konzediert er einen heutigen Zustand der Rechtsuntreue und des fortdauernden Vertragsbruches, den er sogleich seinem Amtsnachfolger Gerhard Schröder anlastet.

Mit Staunen liest man weiter, dass unter einem Kanzler Helmut Kohl Griechenland nicht in den Euro aufgenommen worden wäre. Ich kann mich jedoch nicht daran erinnern, dass Kohl seinerzeit öffentlich vor der Aufnahme Griechenlands gewarnt hätte, wiewohl er selber in seinem Oeuvre darauf hinweist, dass es an mahnenden Stimmen zum Beitritt von Hellas nicht gefehlt habe.

Dann aber kommt es: Kohl, der ja in den neunziger Jahren der Architekt des Euro war, deutet die Einführung der Gemeinschaftswährung als einmalige Okkasion, welche nur damals bestanden habe und daher hat ergriffen werden müssen.

Dies ist ein grober historischer Denkfehler, der mit Kohls Erfahrungen vom kläglichen Ende der DDR zusammen hängen. Dort nämlich war es völlig richtig, und das bleibt Helmut Kohls großes historisches Verdienst, beherzt und rasch die Chance der Wiedervereinigung ergriffen zu haben, und zwar auch gegen die Widerstände (Oskar Lafontaine) in der Bundesrepublik und den Siegermächten (vor allem Großbritannien und Frankreich).

Beim Euro lag die Situation jedoch gänzlich anders. Hier hat sich das Prinzip „Eile vor Güte“ als fatal erwiesen. So haben es jedenfalls bekanntlich auch die nördlichen Länder Dänemark, Schweden und Großbritannien gesehen, die dem Euro auch aus diesen Gründen bewusst fern geblieben und damit gut gefahren sind. Bei Europa kann man nämlich nicht so einfach sagen: „Hier wächst zusammen was zusammen gehört.“ Dafür sind Geschichte und Kultur der einzelnen europäischen Völker viel zu heterogen als dass man meinen dürfte, durch eine Währungsunion gleiche Denk- und Lebensgewohnheiten zu erzeugen.

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Helmut Kohls großer Euro-Irrtum

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Zu viel an Vision, zu wenig an Sachverstand

Kommentare zu " Der Anlagestratege: Helmut Kohls großer Euro-Irrtum"

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  • Der Euro als Einheitswährung ist nicht das Problem, sondern die Geldpolitik der EZB: Jahrhundertelang funktionierte der Handel mit Hilfe allseits anerkannten Wertsachen insbesondere mit Salz, Bernsteinen, Silber oder Gold.Noch heute kann in der Mongolei, in Tibet, China und Sibirien mit Teeziegeln, Platten aus gepresstem Tee, bezahlt werden. Salzstäbe wurden bis ca. 1920 als Geld verwendet. In manchen Gegenden waren Perlen oder Steine ein anerkanntes Zahlungsmittel. Auf den Yap-Inseln in Mikronesien wurde sogar mit durchaus schweren Steinen bezahlt, während im Nachkriegsdeutschland das "Zigarettengeld" eine nicht unbedeutende Rolle als Ersatzwährung spielte. Nehmt der EZB die Geld-Druckmaschine, hinterlegt den € mit 1 Prozent Gold und lasst die Zinsen nicht durch M. Draghi sondern durch den Markt bestimmen dann hat die Einheitswährung wieder eine Zukunft.

  • @ Cal Andersen:
    Genau richtig analysiert und auf den Punkt gebracht.

    Dieses EUR-Konstrukt kann nur bei einem zentralsierten Staat, eine Regierung, ein Finanzministerium, eine Zentralbank usw. funktionieren.
    Da das nicht der Fall ist und wir mehr oder weniger souveräne Staaten haben, läuft das nicht. Ganz im Gegenteil, dieser EURO-Murks wird zum Spaltpilz und zum Dauerkrisenherd dieser unglückseligen EU.

    Die Idee eines Zentralsstaates EUdSSR könnte man ggf. der naiven deutschen Bevölkerung noch unterjubeln und aufs Auge drücken. Viele deutsche Politiker - insbesondere CDU, Grüne, teils SPD - gieren gerade danach, Deutschland möglichst rasch und vollständig in dieses EU-Monster unterzupflügen.

    Die französische, englische, spanische und italienische Bevölkerung wird das jedoch niemals, niemals mit sich machen lassen.

    Damit Idee erledigt. Am besten möglichst rasch abwickeln.
    Auf diesen Unfug konnte nur der grenzenlos eitle und intellektuell sehr begrenzte Kohl hereinfallen.

  • Ohne den Zusammenschluss aller EWU-Staaten zum Gemeinschaftsstaat kann der Euro nie existieren.

    Er bleibt ein Provisorium, das ewig Schäden verursacht.

    Weil die Souveränitäten aller EWU-Staaten jedoch gewiß nicht aufgegeben werden, unterbleibt auch der Gemeinschaftsstaat.

    Also muß der Euro zurück getauscht werden in nationale Währungen.
    Anders ist Europa nicht zu retten.

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