Der Anlagestratege
Im grauen Zimmer des Kapitalmarkttheaters

Wegen der Abschaltung von Atomkraftwerken haben Energie-Aktionäre stark gelitten. Die Kursverluste bei Eon und RWE übertreffen den Prokon-Schaden um ein Vielfaches. Allerdings blieben die Verbraucherschützer hier stumm.
  • 3

Mehr als fünf Tausend Milliarden Euro Geldvermögen haben die Deutschen angehäuft. So steht es im jährlich erscheinenden Vermögensbericht der Bundesbank. Schon seit Jahrzehnten gelten die Deutschen als Sparweltmeister. Weit überwiegend ist das viele Geld in Zinsinstrumenten angelegt, so dass im Resultat kaum eine positive reale Wertentwicklung dabei herauskommt.

Insofern sind die deutschen Zinssparer eindeutiger Verlierer der Euro-Rettungspolitik mit seinen Niedrigzinsen, wiewohl den Sparern ja frei steht, klügere Anlageformen zu wählen. Ihr niedriges durchschnittliches Vermögensniveau im europäischen Vergleich ist die Konsequenz selbstgewählter Unmündigkeit in Kapitalanlage-Angelegenheiten.

Zugleich sind die Deutschen auch Gewinner der Notenbankpolitik, denn die Zinsausgaben ihres Staates sind durch die Nullzinspolitik ganz erheblich gesunken. Tatsächlich ist das Zinsbudget im Haushalt mittlerweile so geschrumpft, dass es der Politik nach 45 Jahren fast gelingt, einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen.

Als jüngster Aufreger im grauen Zimmer des Kapitalmarkttheaters hat der inzwischen insolvente Windparkbetreiber Prokon zuletzt unangemessen viel Aufmerksamkeit gestiftet. Dabei geht es finanziell um Kleinigkeiten verglichen mit der Fehlallokation, die sich aus der Vermögensstatistik herauslesen lässt.

Allein die Kursverluste bei Eon und RWE, die durch die Express-Abschaltung von Atomkraftwerken für die Aktionäre entstanden sind, übertreffen den Prokon-Schaden um ein Vielfaches. Allerdings blieb die Stimme der Verbraucherschützer in diesem Fall stumm. Und auch die vielen tausend Arbeitsplätze, die bei Eon und RWE verloren gegangen sind und künftig noch abgebaut werden müssen, übersteigen den Arbeitsplatzverlust bei Prokon um ein Vielfaches. Solange aber Prokon die moralisch Guten und RWE und Eon die Bösen sind, gibt es ein entsprechendes öffentliches Empörungsritual.

Mit Marktwirtschaft hat das wenig zu tun. Ich halte es für einen kardinalen Fehler, ökonomische Sachverhalte vorwiegend und zunächst anhand ethischer Kriterien zu beurteilen. Dies muss schwerwiegende Fehlallokationen zur Folge haben. Die indirekte Lenkung über Preise ist der staatlichen Lenkung aus Effizienzgründen eindeutig vorzuziehen.

Seite 1:

Im grauen Zimmer des Kapitalmarkttheaters

Seite 2:

Die Norweger haben es besser

Kommentare zu " Der Anlagestratege: Im grauen Zimmer des Kapitalmarkttheaters"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Und noch was.
    So gut scheint es den Norwegern auch nicht zu gehen, daß man sie beneiden müßte.
    Jüngst war in der FAZ zu lesen, daß deren Staatsfonds auch nicht in alles investieren dürften. Ethisch verwerfliche Sachen seien Tabu. Und die Liste was ethisch verwerflich ist, werde stets länger.
    Waffen, Tabak und Investments in Israel stünden schon seit langem auf dem Index.
    Jetzt würde man diskutieren, Unternehmen die Kohle fördern, verarbeiten, verbrauchen auf die Liste zu nehmen.

    Bei uns kann zum Glück noch jeder selber entscheiden, wo er anlegt, und was er ethisch für vertretbar hält.
    Die ganzen Förderprogramme zu Gunsten der Lebensversicherungen reichen als Bevormundungsmaßname ja schon.

  • Sie einsamer Rufer, Herr Bruns.

    Ich würd' sogar sagen, Finger weg von Staatsanleihen. Nicht minus Lebensalter oder so.
    Es ist doch nicht mehr die Frage, ob es da zu Problemen kommt - sondern wann. Wie lange die aktuellen Staaten das Konstrukt aufrechterhalten können. Oder wer glaubt noch, daß auch Deutschland seine Staatsschulden noch mal zurückzahlen wird ?
    Das kann alles noch ziehmlich lange dauern, am Ende dürfte es aber recht schnell gehen.

  • @Sie sage es, Hr. Bruns!
    In der Wirtschaft, Politik und Technik hat Ethik nichts zu suchen.
    Und was ist das für eine Ethik, die dazu aufruft, die wirtschaftlich profitabelsten und technisch sichersten Kraftwerke der Welt (KERN-KRAFTWERKE) abzuschalten und eine Erneuerbare Energieversorung auszurufen, die nur Mangel und Armut für das deutsche Volk bereithält! Wertschöpfung mit den sog .Erneuerbaren Energien = NULL!!! Und KEINE Wertschöpfung = sozialer Abstieg (Wohlstandsvernichtung auf Breiter Front)!!!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%