Der Anlagestratege
Schluss mit der Diskriminierung der Aktie!

Dass es mit der deutschen Aktienkultur nicht weit her ist, ist auch der Staat schuld. Gefördert wird lieber die Schuldenmacherei. Aktionäre aber werden doppelt und dreifach geschröpft. Das muss aufhören.
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Vor einer Woche hatte ich in meiner Kolumne vorgeschlagen, die Diskriminierung der Aktienanlage in Deutschland zu beenden, um eine größere Beteiligung der Bevölkerung an der Wirtschaft zu erleichtern. Ein aufmerksamer Leser fragte daraufhin, worin denn die unterstellte Benachteiligung bestehe? Dieser berechtigten Frage möchte ich heute kurz nachgehen.

Wenn eine Bank, eine Versicherung oder ein Pensionsfonds Wertpapiere erwerben und halten will, dann macht es einen großen Unterschied, ob Anleihen oder Aktien gekauft werden. Während Staatsanleihen in beliebigen Umfang gekauft werden dürfen, weil der Staat sie für risikolos erklärt hat, sind die Aktienquoten gedeckelt. Schlimmer noch: Für Aktienanlagen muss eine Eigenkapitalunterlegung erfolgen, was das Halten von Aktien deutlich verteuert und in der Praxis oft nicht durchsetzbar macht.

Besonders folgenreich ist die unterschiedliche steuerliche Behandlung von Eigen- und Fremdkapital, denn sie führt zu einer Doppelbesteuerung von als Dividenden ausgeschütteten Erträgen bei Aktiengesellschaften. Deutsche Unternehmen zahlen, je nach Standort, circa 30 Prozent Ertragsteuern. Aus einem Vorsteuergewinn von 100 Euro werden also 70 Euro nach Steuern.

Die Dividendenausschüttung erfolgt aus versteuertem Gewinn, so dass die 70 Euro an den Aktionär ausgezahlt werden. Bei ihm erfolgt ein Steuerabzug bei seiner Depotbank, der aus Kapitalertragsteuer, Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer besteht. Gehen wir von einem Satz von 26,4 Prozent (ohne Kirchensteuer) aus, dann müssen auf die Bruttodividende von 70 Euro noch 18,48 Euro Steuern bezahlt werden, so dass netto 51,52 Euro herauskommen.

Nun müssen Dividenden inhaltlich als Kosten für das bereitgestellte Eigenkapital gewertet werden, ebenso wie Zinszahlungen Kosten für das Fremdkapital sind. Die Zinszahlungen werden jedoch vom Finanzamt als Aufwand betrachtet und mindern den Gewinn, während Dividendenzahlungen nicht als Aufwand anerkannt werden und daher aus versteuertem Gewinn geleistet werden müssen.

Diese Diskriminierung des Eigenkapitals führt dazu, dass Unternehmen sich wesentlich günstiger mit Fremd- als mit Eigenkapital finanzieren können. Mit anderen Worten: Hohe Verschuldungsquoten werden steuerlich gefördert. Während der Banken- und Finanzkrise hat man beobachten können, wie nachteilig zu hohe Verschuldung auf den Steuerzahler wirken kann, wenn er die Überschuldeten retten muss.

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Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr...

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  • @Herr Bruns

    Sie vergessen bei Ihrer Berechnung die steuergutschrift die es bei Dividenden gibt.
    Die 30% auf die Ausschüttung wird gut geschrieben und steuerlich behandelt wie eine Einkommensteuer vorauszahlung.

    Sorry, ein bißchen mehr Fachwissen kann man vom HB eigentlich schon erwarten.

  • Sehr geehrter Herr Dr. Bruns,

    was ist ganz konkret Ihr Verbesserungsvorschlag? Sie haben die Gegebenheiten korrekt umrissen. Allerdings hätten sie genau so gut die Doppelbesteuerung des Einkommens mit Einkommens- und Mehrwertsteuer als Grund für zu schwachen Konsum beschreiben können.

    Gerade als Fondmanager sollten Sie es doch zu schätzen wissen, dass sich die Unternehmen, in denen sie investiert sind, sich günstig mit Fremdkapital finanzieren können, denn durch den in Relation sinkenden Anteil des Eigenkapital fällt auf diesen einen größeren Teil der Gesamtrendite ab; der sog. Leverage Effekt tritt ein. Das heißt, das man als Aktionär und damit Miteigentümer direkt von der Verschuldung des Unternehmens profitiert. Natürlich ist dieser Vorteil nicht grenzenlos, denn sobald die Zinszahlungen größer werden als das dafür zur Verfügung stehende Einkommen aus dem laufenden Geschäft, sinkt das Eigenkapital sogar, also das Kapital des Aktionärs.

    Sie sagen weiterhin, dass der Staat auf dem Wege der Gesetzgebung dafür sorge, dass Rentenfonds o.ä. dazu verdammt seien "sichere" Staatsanleihen zu erwerben und es im Grunde unmöglich für diese Institutionen ist, am Wachstum von Unternehmen zu profitieren. Das ist sicher ein wohlgewollter systemimmanenter Anreiz und eine Absicherung des Staates. Allerdings gibt es noch einen weiteren Grund für den Mangel an Aktien in deren Portefeuilles: die fehlende Planbarkeit des Einkommens aus Aktieninvestitionen und das im Vergleich zum Bond deutlich höhere Ausfallrisiko in Bezug auf den Verfügungszeitpunkt.

    Welchen Vorschlag machen Sie nun, um den Anreiz der deutschen Sparer für ein Mehr an Engagement an der Börse zu erhöhen? Ich kann bis auf Ihre Kritik an der Steuer selbst keine Skizze zur Verbesserung erkennen. Wenn wir eine Möglichkeit fänden, nur einen kleinen Teil des Sparbuchs und Sichtvermögens der deutschen Sparer gewinnen können, so würde der Aktienmarkt einen ungeahnten Boom erleben, von dem wir alle profitieren würden.

  • War vielleicht etwas dämlich formuliert.

    Ich sprach von einer ERSTEN Maßnahme. Das es damit natürlich nicht getan ist, versteht sich von selbst.

    Haltefrist ein Monat oder wenn weniger die Gewinne mit 100% versteuern.

    Wer eine Aktie nicht einmal einen Monat hält, der spekuliert nun einmal. Und das macht man besser im Kasino. Bei Spekulation hat der Privatanleger einen massiven Nachteil gegenüber dem institutionellen Anleger, daher bin ich der festen Überzeugung, dass Spekulation eingedämmt werden muss, um Privatanleger zu locken.

    Durch eine komplette Versteuerung der Gewinne von Spekulation lasse ich jedem die Möglichkeit sein Kapital jederzeit verlustfrei wieder abzuziehen. (Wobei an der Stelle noch eine Lösung für die Verrechnung der Transaktionskosten fehlt, bei der nicht die Banken daraus ein neues Geschäftsmodell entwickeln).

    Zusätzlich dazu ist natürlich klar, dass bei der Besteuerung NACH der Spekulation (ihr Beispiel von 12 Jahren z.B.) etwas passieren muss. Wer ins Risiko geht und sein Kapital zur Verfügung stellt, sollte davon auch den Löwenanteil behalten - wenn nicht sogar alles. Dafür sind Verluste dann aber auch Verluste, die ich nirgends verrechnen kann ausser in meiner privaten ROI-Rechnung.

    Denke der Kommentar kam kurzsichtiger rüber als er gemeint war.

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