Der Anlagestratege
US-Haushaltstheater ist ein belangloses Geplänkel

Die aktuelle Haushaltssperre der USA ist nur politische Folklore. Wenn die Finanzmärkte verstimmt reagieren würden, gäbe es eine zügige Einigung. Doch die Anleger schätzen den Politzirkus realistisch ein.
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In Politik, Wirtschaft und Medien sind Abstumpfungserscheinungen beobachtbar. Herrschte noch vor zwei Jahren helle Aufregung bei der Gefahr einer temporären Regierungsschließung, so sind die Finanzmärkte heute von großer Gelassenheit geprägt. Kein Wunder: Es ist bereits die siebzehnte Schließung der US Verwaltung seit Bestehen des Landes. Gewissermaßen gehören derlei Erscheinungen zum amerikanischen Politik-Ritual.

Insofern weiß jedermann auch, dass es sich bei dem derzeitigen Zirkus nur um eine temporäre Folklore-Einlage handelt. Im zementierten Zwei-Parteiensystem sind solcherlei Hollywoodesken ein probater Weg, um für Kurzweil im ansonsten eher langweiligen Politikbetrieb der USA zu sorgen.

Anders freilich stünde es, wenn die Finanzmärkte gereizt oder gar verstimmt reagieren würden. Dann nämlich käme die übliche Erpressungsdynamik in Gang, die während und seit der Subprime-Krise gut zu beobachten war. Da aber sowohl der Zins- als auch der Aktienmarkt bislang kaum mit der Schulter gezuckt haben, besteht überhaupt keine Eile, vorzeitig die Schlussglocke der antagonistischen Theatervorstellung zu läuten. Vielmehr sind weitere retardierende Momente vor der Klimax dieser Tragödie zu erwarten.

Bedeutsam ist indes, dass sich die Oberen der Wallstreet nunmehr nach Washington begeben werden, um den Politikern einen Fingerzeig zu geben. Ihnen ist die Schließung des Regierungs- und Verwaltungsapparats peinlich. Sie empfinden das vorgespielte Drama als potentiell geschäftsschädigend.

Wie man weiß, ist die Wall Street mit ihren Banken und Finanzhäusern einer der Hauptfinancier der jeweiligen US-Wahlkämpfe. Die Abgeordneten werden es nicht wagen, jenen allzu viel Kummer zu bereiten, die ihnen die teuren Wahlkämpfe auch morgen noch finanzieren sollen.

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Der Entfesselte Furor der Finanzmärkte

Kommentare zu " Der Anlagestratege: US-Haushaltstheater ist ein belangloses Geplänkel"

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  • Für die meisten ist ein tatsächlicher Bankrott der USA undenkbar - verbietet sich doch, als Weltmacht.

    Dabei wirkt der dekadente Lebensstil der Amerikaner substanziell zerstörerisch. Lange, lange unbemerkt, da schleichend.

    Es wird mit einem Tage festgestellt werden: Ups, wir sind ja WIRKLICH pleite. Wir bekommen ja WIRKLICH keine Blankolieferungen/Darlehen mehr von unseren Partnern.

    Und dann geht's schnell.

  • Nicht nur in Amerika tut man so, als ob Schulden beliebig steigen koennen. Man hat sich daran gewoehnt, dass die Schuldenobergrenze bei Bedarf abermals nach oben verschoben wird.

    Nur wenige Beobachter deuten die leisen Veraenderungen, die sich in der Staatsfinanzierung vieler Laender inzwischen bemerkbar machen.

    Anfangs kann sich ein Staat bei privaten Geldgebern verschulden. Mit steigender Verschuldung steigt allerdings das Kreditausfallrisiko, worauf der Markt mit steigenden Zinsforderungen reagiert. Steigende Zinsen und zurueckhaltende Kreditvergabe erhoehen die Finanznot stark verschuldeter Staaten und verstaerken damit das Kreditausfallrisiko. Eine unheilvolle Spirale wird in Gang gesetzt.

    Staaten nehmen dann ihre Zentralbalbanken in die Pflicht, die Zinsen zu druecken. Dies funktioniert nur, wenn die Zentralbanken fluechtende private Geldgeber ersetzen. Zentralbanken kaufen Staatsanleihen. Das ist klassische Staatsfinanzierung durch die Zentralbank. Auch wenn das von manchen Zeitgenossen bestritten wird: anhaltende Staatsfinanzierung durch Zentralbanken fuehrt zwangslaeufig zu Inflation! Die Spirale dreht sich also noch schneller. Nicht nur steigt das Risiko, dass der Staat seine weiter steigenden Schulden nicht mehr bedienen kann. Es kommt noch der Kaufkraftverlust hinzu. Private Geldgeber bleiben dem Markt gaenzlich fern und wenden sich anderen Anlagen zu. Es entstehen Assetblasen (Aktien, Immobilien, Ackerland, Gold, Rohstoffe, Kunst). Ein Austieg aus der Staatsfinanzierung wird immer schwieriger. Daher hat Bernanke beim angekeundigten “Tapering” einen vorhersehbaren Rueckzieher gemacht.

    Ein Konzept fuer nachhaltige Staatsfinanzierung ist nicht in Sicht. Wir muessen damit leben, dass sich die Krise letztendlich in einer Katastrophe entladen wird, die ich mir nicht vorzustellen wage.

  • Ihr Kommentar ist ganz schön lemminghaft, Herr Bruns.
    Es stimmt vielleicht, dass die Wall-Street Einfluss hat, aber dieser Einfluss erstreckt sich nicht auf die Libertären, die die Republikaner anscheinend im Griff haben. Diese Personen denken nicht so objektiv, sondern sind extrem idiologisch. Das kann diesmal schön in die Hosen gehen. Die Unterstützer dieser Gruppierungen besitzen auch eine große Finanzkraft, und kommen nicht von der Wall-Street.

    http://www.newyorker.com/reporting/2010/08/30/100830fa_fact_mayer

    Es treffen diesmal zwei Seiten aufeinander, die auch noch meinen jeweils im Recht zu sein und die Unterstützung des Volkes zu haben. Das könnte eine idiologischer Shutdown werden.

    http://www.economist.com/news/united-states/21587250-shutdown-bad-enough-what-follows-may-be-far-worse-closed-until-further-notice

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