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20.11.2007 
Rohstoffe

Anleger suchen Agrargüter

von Dieter Claassen

Derzeit scheinen Konjunktursorgen die Lage an den Rohstoffmärkten zu bestimmen. Der Trend geht weg von Industriemetallen und hin zu landwirtschaftlichen Gütern wie Soja oder Mais. Doch nicht nur die Risikominimierung ist dabei entscheidend – auch das Gewinnpotenzial dieser Rohstoffe spielt eine wichtige Rolle.

Bei Anlegern derzeit begehrt: Sojabohnen. Foto: apLupe

Bei Anlegern derzeit begehrt: Sojabohnen. Foto: ap

LONDON. An den Rohstoffmärkten hat sich offensichtlich der Interessenschwerpunkt der Investoren verlagert. Bei den Basismetallen wie Kupfer, Blei oder Zink fürchten die Anleger nach dem Preisboom der vergangenen sechs Jahre zumindest einen vorübergehenden Rückschlag. An den Agrarmärkten setzen sie dagegen auf weitere Preissteigerungen.

Diese Erwartungen der Anleger spiegeln sich an den Terminmärkten in den USA wider: Die Zahl der Investoren, die auf steigende Preise setzen (Longs), sind bei den Agrarprodukten inzwischen deutlich in der Überzahl. Dies gilt insbesondere bei Sojabohnen und Sojamehl sowie bei Mais. Im Gegensatz dazu überwiegen beispielsweise bei Kupfer die Baissiers oder "Shorts“, die mit rückläufigen Notierungen rechnen.

"Wir gehen davon aus, dass die Agrarpreise bedingt durch die weltweit niedrigen Vorräte, extreme Wetterbedingungen, steigende Einkommen und Verknappungen in weiten Teilen Asiens weiter steigen werden“, sagt Michael Lewis, Chef der Rohstoffanalyse bei der Deutschen Bank in London. Bei dem Vergleich der Preise der verschiedenen Rohstoffkategorien hat Lewis festgestellt, dass die meisten Agrarpreise inflationsbereinigt noch weit unter hinter ihren historischen Höchstständen zurückbleiben. So müsste etwa der Preis für Zucker um 450 Prozent steigen, um sein Rekordniveau von 1974 zu erreichen. Bei Mais und Weizen fehlen noch rund 100 bzw. 250 Prozent bis zum Höchststand.

Doch nicht allein dieses Potenzial lockt die Investoren an den US-Märkten. Nach Zahlen der Commodities Futures Trading Commission, CFTC, setzen die Anleger vor allem deshalb auf die Agrarmärkte, weil ihnen ein Engagement in anderen Rohstoffen, insbesondere den Industriemetallen, als zu riskant erscheint. Eine wirtschaftliche Abschwächung in den USA oder sogar eine Rezession, die auf andere Regionen in der Welt ausstrahlen würde, träfe nach Einschätzung der Investoren auch die Nachfrage nach den Metallen.

Längerfristig bieten die agrarischen Rohstoffe eine günstige "zyklisch weniger anfällige“, Diversifizierungsmöglichkeit zu anderen Vermögenswerten, meint Larry Hatheway von der Schweizer Bank UBS in London. Noch auf Jahre werde sich zudem die wachsende Verarbeitung von Agrarprodukten zu Biotreibstoff bemerkbar machen. Dies gelte vor allem für Mais, Zucker und Weizen.

Die Verwirklichung der Ziele und Vorgaben von Regierungen für den Einsatz von Biokraftstoff wird über die nächsten zehn bis 15 Jahre zwölf Prozent der weltweiten agrarischen Anbaufläche beanspruchen, errechnete die Credit Suisse in einer Studie. In den USA müssten bis zum Jahr 2017 gar 19 bis 32 Prozent der Agrarfläche für diesen Zweck beansprucht werden; bisher sind es nur 5,7 Prozent.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Geänderte Vorzeichen

Weltweit, so die Credit Suisse, müsste die agrarische Anbaufläche auf mittlere Sicht um jährlich 3,3 Prozent zunehmen, um sowohl den wachsenden Lebensmittelbedarf der Weltbevölkerung als auch den Bedarf an Biokraftstoffen zu decken. De facto seien aber beispielsweise bei Getreide die Ernteerträge in den letzten 20 Jahren nur um 1,3 Prozent im Jahr gestiegen. Und in China schrumpfe die agrarische Anbaufläche sogar zurzeit mit einer Rate von 0,6 Prozent im Jahr. Damit wiederum nehme der Importbedarf des Landes an Nahrungsmitteln noch zu.

Derart langfristige renditeträchtige Preisperspektiven schützen die Anleger freilich nicht vor den eher von kurzfristigen Faktoren ausgelösten Turbulenzen an diesen Märkten. Ein Beispiel dafür bietet Weizen. Der Preis für den Dezemberkontrakt in Weizen an der Warenbörse in Chicago, CBOT, hat von dem im Spätsommer erreichten Rekordstand von 9,61 Dollar je Bushel (ca. 60 Pfund) nahezu ein Sechstel wieder an Wert eingebüßt. Weizen ist damit zwar noch immer etwa doppelt so teuer wie zu Jahresbeginn. Die Preise waren allerdings zeitweise von Panikkäufen einiger Weizenimportländer getrieben worden. Da weitere Käufe ausblieben und für 2008 eine Vergrößerung der Anbauflächen geplant ist, nahmen einige der Marktteilnehmer Gewinne mit.

Ignoriert wurden dabei selbst Nachrichten, die für höhere Preise sprechen. Dazu zählte eine weitere drastische Verringerung der Weizenernte Australiens, von 15 Mill. auf geschätzt nur noch zwölf Mill. Tonnen. Dies ist rund halb so viel wie in früheren Jahren. Die Weltvorräte an Weizen sind zudem auf den niedrigsten Stand seit 28 Jahren gesunken; die Maisvorräte waren zuletzt vor 35 Jahren so niedrig wie heute. Auch die UN -Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) hat daher in ihrem "Food Outlook“, für 2008 vor weiteren Preissteigerungen bei Grundnahrungsmitteln gewarnt.


Geänderte Vorzeichen

Nachfrage: Mit der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung in Schwellenländern wie China und Indien wächst dort der Wohlstand. Damit erhöhen sich auch die Ansprüche der Bevölkerung. Die stärkere Nachfrage etwa nach Fleisch zieht einen höheren Bedarf von Getreide (Mais) als Futtermittel nach sich.

Angebot: Die Grundnahrungsmittel konkurrieren um die knappen Flächen untereinander, aber auch mit Blick auf neue Nachfrager.

Anwendungen: Denn die Konkurrenz ist durch die neuen Anwendungsbereiche wie beim Biosprit noch härter geworden. Inzwischen wächst die Kritik, ob umweltfreundliche Energie zu Lasten von teuren Nahrungsmitteln gehen darf.

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