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21.06.2005 
Edelmetall-Preis koppelt sich vom Dollarkurs ab und steigt auf ein Drei-Monats-Hoch

Anleger suchen Sicherheit im Gold

von Ingo Narat, Udo Rettberg und Handelsblatt

„Die Welt ist zu hässlich, als dass Gold schwach werden könnte.“ An diese alte Weisheit fühlen sich derzeit die Akteure an den Edelmetallmärkten erinnert. Der Goldpreis ist am Montag in der Spitze bis auf 442 Dollar je Feinunze geklettert.

FRANKFURT/M. Das ist der höchste Preis seit rund drei Monaten. Doch dieses Mal ist am Goldmarkt etwas anders als in früheren Zeiten. Das Geschehen findet vor allem deshalb Beachtung, weil die Gleichung schwacher US-Dollar gleich starker Goldpreis seit kurzem nicht mehr gilt. Gold hat sich vom Tief bei 412 Dollar nach oben in Bewegung gesetzt, und der Dollar ist ebenfalls gestiegen. Und zwar vom Tief bei 1,35 auf 1,20 Euro.

In Euro gerechnet, erreichte Gold am Montag ein neues Rekordniveau und stieg an Tokios Rohstoffbörse in Yen auf den höchsten Stand seit 13 Jahren. Bislang sei Gold der Wahrnehmung der latenten Wirtschaftsprobleme in den USA gefolgt, sagen die Fachleute von RBC Capital Markets: Gold stieg, wenn der Dollar fiel – und umgekehrt. Durch die EU-Krise verliere der Euro seine Anziehungskraft als alternative Anlagewährung zum Dollar und eventuell auch als Reservewährung. Für die RBC-Analysten ergibt sich daraus die Schlussfolgerung: Gold wurde schon immer als härteste „Währung“ begriffen – jetzt auch gegenüber dem Euro.

„Für mich ist dies seit Jahren die interessanteste Entwicklung am Goldmarkt“, sagt John Reade von der Investmentbank UBS. Allem Anschein nach sei Gold für große Kapitalsammelstellen unter Streuungsaspekten eine Anlage-Alternative. Auffallend ist, dass die zuletzt inverse Korrelation zwischen Dollarkurs und Goldpreis zeitgleich mit dem Nein der Franzosen und Niederländer zur EU-Verfassung aufgehoben wurde. Auch die weiter steigenden Defizite in der Leistungsbilanz und im Haushalt in den USA und die hohe Verschuldung der Industriestaaten tragen zur Nervosität der Märkte und zum Run auf Gold bei.

Experten sehen im jüngsten Anstieg ein mögliches Indiz für nachlassendes Vertrauen in die führenden Weltwährungen sowie in Papierwerte. So wird Gold als sicherer Hafen für vagabundierendes und verunsichertes Kapital betrachtet. Die Anleger realisierten, dass Gold und Rohstoffe stabilere Perspektiven als Papierwährungen bieten, sagt James Moore, Analyst beim Fachdienst Bullion-Desk.

Als nicht unwesentlichen Grund für das Interesse an Gold sieht Michael Dudas vom Finanzhaus Bear Stearns die anhaltende Stärke der Rohstoffmärkte insgesamt und die starke Nachfrage der Wirtschaft – allen voran aus China. Die Anleger müssten wissen, dass die Regierung in Peking die Barrieren beim Kauf von Gold durch Privatpersonen aufgehoben habe, sagt Evy Hambro von Merrill Lynch.

Dennoch sieht das Analystenteam von JP Morgan keine nachhaltige Abkoppelung des Goldes vom Dollar. Auch Alberto Arias von Goldman Sachs glaubt, dass die inverse Korrelation nur kurzzeitig aufgehoben ist und dieser Zusammenhang später wieder hergestellt werden sollte. Er revidierte die Goldprognose für die nächsten sechs Monate nach unten. Arias sieht für das zweite Halbjahr 2005 durchschnittlich 420 (nach bisher 430) Dollar je Feinunze. Er glaubt, Gold werde bis Ende des Jahres zwischen 390 und 440 Dollar schwanken.

Graham Birch, Leiter des Rohstofffonds-Teams von Merrill Lynch, verweist in seinem optimistischen Ausblick auf Aussagen des Finanz-Gurus Warren Buffett, der jüngst von einem möglichen Chaos an den Devisenmärkten sprach und vor gravierenden politischen und finanziellen Konsequenzen warnte. „Für Goldoptimisten bieten Buffetts Kommentare Stoff zum Nachdenken“, sagt Birch. „Gold wird auf absehbare Zeit steigen“, glaubt sein Kollege Evy Hambro, der weiter eine hohe Nachfrage sieht. Dem stehe ein schrumpfendes Angebot gegenüber. Die bislang als Preisdämpfer gesehene Gefahr von Goldverkäufen durch Notenbanken teilt Hambro nicht. „Der Markt braucht das Gold der Notenbanken, da der Preis sonst nach oben schießen würde.“

In Deutschland springen erfahrene Asset-Manager auf den Zug. Für Jens Ehrhardt, Vorstand der Dr. Jens Ehrhardt Kapital AG in München, ist die Überwindung der charttechnischen Hürde bei 350 Euro pro Feinunze ein wichtiges Signal. Seine Konsequenz: „Da der bisherige Zusammenhang zwischen Gold und Dollar – Gold reflektierte im wesentlichen nur den Dollar-Rückgang – offensichtlich nicht mehr gilt, dürften neue Zeiten für Goldminenaktien anbrechen.“

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