Für Anleger ist es derzeit lukrativ, Kreditinstituten Geld zu leihen. Es locken Renditen von teilweise über sieben Prozent. Allerdings müssen dafür größere Risiken und Kursschwankungen in Kauf genommen werden. Nur wer den Markt genau kennt, kann profitieren. Die tägliche Investmentidee auf Handelsblatt.com
FRANKFURT. Für Investoren auf der Suche nach hohen Renditen erscheinen die Anleihen von Banken verlockend. Speziell nachrangige Kernkapitalanleihen (Tier 1) der Finanzinstitute bieten hohe Renditen von teils über sieben Prozent. Doch gerade diese Bonds haben Tücken, und Experte fürchten zudem weitere Kursverluste – und damit steigende Renditen für die, die noch abwarten.
Infografik: Anleihen von Banken im Vergleich
„Fundamental locken die Bankenanleihen zum Einstieg; es ist kaum absehbar, dass eine große europäische Bank insolvent wird“, sagt Winfried Gausselmann, Leiter des Kreditresearchs bei HSBC Investments in Düsseldorf. Schlechte Nachrichten zur Konjunktur, zu weiteren Abschreibungen in der Finanzbranche sowie Verkaufsdruck von Fonds und anderen Kapitalsammelstellen könnten die Bankenanleihen aber weiter unter Druck bringen. Aus Angst vor weiteren Kursverlusten halten sich professionelle Anleger mit dem Kauf von Bankenbonds deshalb noch zurück.
Privatanleger, die Anleihen bis zur Fälligkeit halten und so zwischenzeitliche Kursrückgänge aussitzen, könnten laut Jörg Sihler langsam zugreifen. „Ich wage nicht zu prognostizieren, dass wir den Höchststand bei den Risikoaufschlägen schon erreicht haben, aber diesen Punkt abzupassen ist ohnehin sehr schwierig“, sagt der Leiter des Anleihebereichs und Geschäftsführer bei UBS Global Asset Management in Frankfurt.
Infografik: Risikoprämien bei Bankenanleihen
Vorrangige Bankenanleihen bieten derzeit im Schnitt 115 Basispunkte (1,15 Prozentpunkte) mehr Rendite als sichere Bundesanleihen. Bei nachrangigen Bonds liegen die Aufschläge bei über 400 Basispunkten. Seit Jahresanfang sind die Risikoprämien (Spreads) nochmals deutlich gestiegen und haben neue Rekordniveaus erreicht. Die Bankenanleihen leiden seit dem Sommer unter der Subprime-Krise um bonitätsschwache private US-Hypothekenschuldner, in deren Folge Banken weltweit bereits rund 180 Mrd. Dollar abschreiben mussten. „Die Unsicherheit ist jetzt aber schon geringer als im August oder September“, meint Martin Nybye Sörensen, der das Team für Firmenbonds bei Nordea Investment Management in Kopenhagen leitet.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Zinszahlungen nur bei Jahresüberschuss oder Bilanzgewinn
Privatanleger, die Zinspapiere von Banken kaufen wollen, müssen genau hinsehen, denn es gibt viele verschiedene Formen. Als vergleichsweise sicher gelten vorrangige Bankenanleihen (Senior Unsecured). Bei diesen haben Anleger einen unbedingten Anspruch auf Zinszahlungen, und sie bekommen ihr Geld am Ende der Laufzeit zurück, wenn die Bank solvent bleibt. Nachrangige Tier-1-Anleihen ähneln dagegen vom Risiko her mehr einer Aktie als einer Anleihe. Deshalb dürfen die Institute sie teils als Eigenkapital verbuchen.
Tier-1-Anleihen haben meist eine unendliche Laufzeit. Sie können zehn Jahre nach der Emission getilgt werden. Läuft die Anleihe weiter, steigen die Zinsen in der Regel deutlich, und der Kupon ändert sich von fix auf variabel. Es kann für die Banken theoretisch sinnvoll sein, die Bonds weiterlaufen zu lassen, wenn die gestiegenen Kuponzahlungen immer noch günstiger sind als neue Papiere zu begeben. „Die Banken werden Tier-1-Anleihen auch künftig zum frühestmöglichen Zeitpunkt zurückzahlen“, ist aber Sörensen überzeugt: „Die große Menge der Tier-1-Anleihen wird erst 2013 fällig, bis dahin sollte die aktuelle Finanzmarktkrise ausgestanden sein.“ Außerdem seien die Bonds für die Banken in der Refinanzierung so wichtig, dass sie es sich kaum leisten könnten, die Investoren durch eine Nichttilgung zu verprellen.
Ob die Anleger stets in den Genuss des hohen Kupons kommen, ist aber unsicher. Die Zinszahlungen gibt es nur, wenn die Banken einen Jahresüberschuss oder Bilanzgewinn ausweisen und eine Dividende ausschütten. Und das ist in der aktuellen Finanzmarktkrise noch keine ausgemachte Sache. „Einen einmaligen Kuponausfall könnten Anleger verkraften, die Renditen wären trotzdem noch attraktiv“, sagt HSBC-Experte Gausselmann. Aber: „Bei etwa 20 Prozent der Kernkapitalanleihen in Deutschland kann auch der Nennwert der Bonds gekürzt werden, wenn die Bank einen Verlust ausweist. Dann würde sich das Ganze weit weniger rechnen.“ In Deutschland sind derzeit die Anleihebesitzer der angeschlagenen Mittelstandsbank IKB von Kuponausfällen und Verlustbeteiligungen um die 25 Prozent getroffen. „Privatanleger gehen natürlich mit Tier-1-Anleihen größere Risiken ein als mit Senior-Anleihen“, warnt auch Sihler von UBS: „Wer die Papiere kauft, muss daher eventuell höhere Kursschwankungen aushalten als bei vorrangigen Anleihen. Anleger sollten sich daher eingehend mit den Emissionsprospekten befassen und sich professionell beraten lassen.“

