Dr. Sommers Marktdiagnose
Trump oder doch nicht Trump?

Wie sich Aktien unter demokratischen oder republikanischen Präsidenten entwickeln, darüber gibt es mehr als genug Untersuchungen. Doch entscheidend sind bei dieser Wahl allein die Erwartungen, die Anleger an Trump haben.

Kennen Sie auch solche Statistiken, wie diese hier? Amerikanische und europäische, einschließlich deutsche Aktien laufen deutlich besser unter demokratischen Präsidenten. In den vergangenen 90 Jahren gab es vier Legislaturperioden, in denen sich die Kurse negativ entwickelten, wenn Republikaner das Sagen hatten. Dagegen kam es unter demokratischen Präsidenten nur einmal zu einer negativen Vierjahresphase.

Die wohl prägnantesten Beispiele dafür sind auf der einen Seite die Doppelamtszeit von Bill Clinton von 1993 bis 2001, als sich der S&P-500-Index verdreifachte, währenddessen er in der Zeit des Republikaners George Bush um 40 Prozent einbrach.

Tatsächlich sind derartige Statistiken aber mit Vorsicht zu genießen. Denn was hatte Clinton mit der New-Economy-Blase zu tun, als die Kurse förmlich explodierten, und Bush mit deren Platzen? Mag sein, dass Republikaner vom Schlage der Bush-Familie etwas draufgängerischer und vielleicht sogar aggressiver regieren und deshalb die Börse womöglich mehr verängstigen als weichere und smartere Präsidenten wie einst Jimmy Carter und jetzt Barack Obama.

Dass amerikanische Präsidenten und vor allem die Kandidaten für das Amt die Börsen nicht kalt lassen, erleben wir seit Wochen. Jeder Prozentpunkt, den Donald Trump in der vergangenen Woche in der Wählergunst verlor, beflügelte die Börsen. Egal, wie seriös oder unseriös die Umfragen auch sein mochten. Umgekehrt belastete es in den Wochen davor die Aktienkurse, als Trump an seine Herausforderin Clinton fast heranzukommen schien. Der Grund ist aber keineswegs Clinton. Sie lässt Börsianer kalt.

Anleger fürchten die Unberechenbarkeit Trumps in der Außen-, Innen-, Sicherheits- und Wirtschaftspolitik. Niemand weiß, wohin Amerika driftet, sollte der Republikaner die Wahl gewinnen. Zu oft hat der Milliardär aus erfolgreichen und erfolglosen Immobiliengeschäften in der Vergangenheit abrupt seine Meinung gewechselt. Da spielt es keine Rolle, ob Trump jetzt den Unternehmen eine Senkung des Steuersatzes von 35 auf 15 Prozent verspricht, allen Amerikanern eine Steuerersparnis von 4,4 Billionen Dollar in den nächsten zehn Jahren ans Herz legt und dem gesamten Land die größte Steuerrevolution seit Ronald Reagan ankündigt.

Für die Börsen zählt bis zum Wahltag am 8. November nur eins: Solange Trumps Siegeschancen sinken, werden die Aktienmärkte profitieren. Aus Erleichterung, dass ihnen die Ungewissheit genommen wird. Läuft es aber im Vorhinein doch noch auf Siegeschancen für Trump hinaus, droht den Börsen Ungemach. Nicht nach, sondern vor allem vor der Wahl. Und das nicht, weil Anleger Trumps Programm fürchten, sondern dessen Unberechenbarkeit.

Gewinnt Hillary Clinton die Wahl und war dies in den Tagen davor auch absehbar, dürfte der Wahltag selbst als Non-Event in die Börsengeschichte eingehen, nimmt man die Kursbewegungen als Maßstab. Gewinnt aber Donald Trump die Wahl, werden die Kurse kräftig schwanken und fallen – aus Sorge vor einer neuen noch vollkommen unbekannten Politik, aber auch aus Angst, dass die größte Weltmacht nicht mehr auf alte Allianzen setzt und die USA für alle, einschließlich ihrer amerikanischen Bürger und Unternehmen, unkalkulierbar wird.

Doch es spricht viel dafür, dass sich die heftigen Turbulenzen schon nach ein paar Tagen zumindest vorübergehend beruhigen werden, so wie nach dem unerwarteten Brexit-Votum der Briten. Dann nämlich, wenn die Erkenntnis wächst, dass Trump den Atomknopf nicht gedrückt und auch sonst noch nichts verändert hat. Denn bis zum 20. Januar 2017 bleibt Barack Obama an der Macht und 44. Präsident der USA. Egal, wie die Wahl am 8. November ausgeht.

Dr. Ulf Sommer wirft für das Handelsblatt den Blick auf das große Ganze: Wie entwickeln sich die Gewinne der Dax-Konzerne? Welche Perspektiven haben US-Unternehmensaktien? Alle zwei Wochen diagnostiziert er in dieser Kolumne, wie es um die Verfassung der Märkte bestellt ist. Wenden Sie sich mit Anregungen oder Fragen gerne an: sommer@handelsblatt.com

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