Dr. Sommers Marktdiagnose Warum bessere Zahlen an der Börse schlechter honoriert werden

Wall Street auch in Deutschland? Immer mehr Unternehmen liefern bessere Ergebnisse ab als prognostiziert. Das hat einen Grund: Anleger erwarten es bereits und würden alles andere bestrafen. Der Effekt ist überschaubar.
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Dr. Ulf Sommer, Handelsblatt-Redakteur und Kolumnist.
Dr. Sommers Marktdiagnose

Dr. Ulf Sommer, Handelsblatt-Redakteur und Kolumnist.

DüsseldorfAls SAP bereits im Januar seine wichtigsten Kennzahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr präsentierte, überraschten die Walldorfer ihre Aktionäre positiv: Bessere Zahlen als erwartet, und obendrein hob Firmenchef Bill McDermott den Ausblick für das laufende Jahr an. Daran gibt es nichts zu mäkeln, alles wunderbar.

Was stutzig macht: SAP ist nicht die große Ausnahme, sondern eher die Regel. Zwei Drittel der großen deutschen Konzerne haben nach Berechnungen der Beratungsgesellschaft EY im vergangenen Jahr ihre Prognosen korrigiert. Das ist der höchste jemals gemessene Wert. 2015 hatte „nur“ die Hälfte der Dax-Konzerne seine ursprünglichen Annahmen verändert.

Das Erstaunliche und scheinbar Erfreuliche daran ist: Die großen Dax-Konzerne haben dabei 16 Mal ihre Aktionäre positiv überrascht und nur achtmal negativ. Bei den insgesamt 302 im Prime Standard untersuchten Unternehmen ist der Trend zwar etwas schwächer, aber ähnlich: 87 Firmen beglückten die Anleger mit besseren Zahlen und nur 67 mit schlechteren.

Diese Dax-Aktien haben noch Kurspotenzial

FRESENIUS MEDICAL CARE KGAA INHABER-AKTIEN O.N.

WKN
ISIN
DE0005785802
Börse
L&S

+1,68 +1,94%
+87,78€
Chart von FRESENIUS MEDICAL CARE KGAA INHABER-AKTIEN O.N.
Fresenius Medical Care
1 von 10

Das Vertrauen der Analysten in den weltweit führenden Anbieter von Dialyseprodukten ist groß. Von 26 Analysten empfehlen 15 die Aktie zum Kauf, elf legen sich nicht fest, aber keiner der Aktienexperten würde verkaufen. Auch die Einschätzung zum Kurspotenzial kann sich sehen lassen: Der Aktie wird ein Steigungspotenzial von 16,3 Prozent zugetraut, ergibt die Auswertung der Analystenkommentare. Damit läge der prognostizierte Kurs bei 88,89 Euro. Der Analystencheck des Handelsblatts sammelt Einschätzungen verschiedener Banken und Analysten und ermittelt den Durchschnittskurs aller Studien. Dabei handelt es sich um eine gewichtetes Kursziel: Jüngere Analysen werden bei der Berechnung des durchschnittlichen Kurspotenzials stärker gewichtet als ältere.

PROSIEBENSAT.1 MEDIA SE NAMENS-AKTIEN O.N.

WKN
ISIN
DE000PSM7770
Börse
L&S

+0,09 +0,28%
+31,42€
Chart von PROSIEBENSAT.1 MEDIA SE NAMENS-AKTIEN O.N.
Pro Sieben Sat.1 Media SE
2 von 10

Seit August 2013 werden die Aktien des Medienkonzerns unter dem neuen Namen ProSieben Sat1 Media die Aktien an der Frankfurter Börse gehandelt. Von 26 Analysten empfehlen 20 die Aktie zum Kauf, keiner würde verkaufen. Im Mittel trauen sie dem Wert einen Kursanstieg auf 44,35 Euro zu – das wäre ein Plus von 14,1 Prozent.

SAP SE INHABER-AKTIEN O.N.

WKN
ISIN
DE0007164600
Börse
L&S

-0,09 -0,11%
+84,51€
Chart von SAP SE INHABER-AKTIEN O.N.
SAP
3 von 10

Der deutsche Softwarehersteller SAP SE ist einer der weltweit führenden Entwickler und Anbieter von Unternehmenssoftware. Insgesamt 50 Analysten schätzen den Aktienkurs positiv ein, unter anderem die britische Investmentbank Barclays. Die Aktie wäre ein "Top Pick" im Sektor. Durchschnittlich steigen soll sie, so die Prognose, um 8,3 Prozent. Damit läge sie dann bei 94,31 Euro.

ALLIANZ SE VINK.NAMENS-AKTIEN O.N.

WKN
ISIN
DE0008404005
Börse
L&S

-0,69 -0,36%
+190,90€
Chart von ALLIANZ SE VINK.NAMENS-AKTIEN O.N.
Allianz
4 von 10

Der Versicherungskonzern gehört zu den attraktivsten Dax-Titeln, auch wegen seiner hohen Dividende. Insgesamt 55 Analysten schätzen das Kurspotenzial des Titels positiv ein. Um 8,1 Prozent sollte der Kurs laut der Analystenstudie steigen. Dann würde das Papier bei 170,54 Euro notieren. Am gestrigen Donnerstag hat der Konzern Zahlen vorgelegt und ein umfangreiches Aktienrückkaufprogramm angekündigt.

LINDE AG INHABER-AKTIEN O.N.

WKN
ISIN
DE0006483001
Börse
L&S

-0,94 -0,53%
+174,41€
Chart von LINDE AG INHABER-AKTIEN O.N.
Linde
5 von 10

Laut einem Interview mit Unternehmenschef Aldo Belloni, will der Industriegasekonzern den Fusionsvertrag mit Praxair im April vorlegen. Dieser Deal wäre wertsteigernd für die Aktionäre. Das Kurspotenzial liegt nach Einschätzung von 60 Analysten bei 7,4 Prozent. Behalten die Experten Recht, würde der Kurs der Aktie von momentan 152,20 Euro auf 163,37 Euro steigen.

ADIDAS AG NAMENS-AKTIEN O.N.

WKN
ISIN
DE000A1EWWW0
Börse
L&S

-0,04 -0,02%
+180,17€
Chart von ADIDAS AG NAMENS-AKTIEN O.N.
Adidas
6 von 10

Der weltweit größte Anbieter von Sportprodukten hat Potenzial: 6,2 Prozent Zuwachs billigen 26 Experten dem Aktienkurs zu. Das würde bedeuten, dass die Aktie mit 157,65 Euro gehandelt werden würde. Die britische Investmentbank HSBC rechnet bei dem Sportartikelhersteller mit starken Resultaten für das vierte Quartal. Positive Rückschlüsse lasse auch die jüngste Gewinnwarnung des Konkurrenten Under Armour zu, die auf Marktanteilsgewinne durch Adidas schließen lasse.

BAYER AG NAMENS-AKTIEN O.N.

WKN
ISIN
DE000BAY0017
Börse
L&S

-0,03 -0,03%
+98,67€
Chart von BAYER AG NAMENS-AKTIEN O.N.
Bayer
7 von 10

Die gewichtete Empfehlung, bei der jüngere Studien stärker als ältere berücksichtigt werden, von 42 Analysten für den Kurs der Aktie des Pharma- und Chemiekonzerns Bayer liegt bei sechs Prozent. Das entspricht einem Kursziel von 113 Euro. Laut Analyst Jeffrey Holford dürfte der Anlegerfokus auf der angekündigten Fusion mit Monsanto liegen, die den Bayer-Aktiengewinn mittelfristig um rund zwölf Prozent steigern dürfte.

Doch liefen die Geschäfte wirklich so viel besser? Zweifel sind angebracht. Denn die langjährigen Statistiken zeigen auch, dass Anleger positive Nachrichten weniger stark belohnen, als sie schlechte News bestrafen. Nach Angaben von EY sanken direkt am Tag einer Ergebniswarnung die Aktienkurse im Schnitt um sechs Prozent. Auch war der Rückgang nachhaltiger, denn eine Woche nach der Hiobsbotschaft notierten solche Aktien durchschnittlich sieben Prozent niedriger. Hingegen stiegen die Aktienkurse bei positiven Überraschungen tagesaktuell um durchschnittlich nur vier Prozent. Auch eine Woche danach betrug das Plus „nur“ fünf Prozent.

Dass gute Nachrichten vermeintlich schlecht honoriert werden, hat einen einfachen Grund: Seit vielen Jahren gehört es an der Börse, allem voran an der Wall Street, zum guten Ton, die Prognosen zu übertreffen. Mehr als zwei Drittel aller Unternehmen im S&P 500 überraschen ihre Aktionäre Quartal für Quartal mit Umsätzen und Gewinnen, die höher ausfallen als erwartet. Selbst in Krisenzeiten überrascht die große Mehrheit immer noch auf der Oberseite.

Der Grund dafür ist durchaus bekannt: Geschickt schaffen es die Unternehmen, im Vorfeld einer jeden Quartalssaison die Erwartungen unter den Analysten so weit zu dämpfen, dass anschließend doch ein paar Cent mehr herauskommen. So wie Anleger es lieben.

Die Kehrseite dieses beliebten Spiels lautet aber: Anleger haben sich an diesen Überraschungs-Effekt längst gewöhnt und stumpfen ab – eben weil es nicht mehr wirklich Überraschungen sind. Deshalb fallen die negativen Kursreaktionen so heftig aus, wenn ein Unternehmen doch mal enttäuscht. Eben weil es nur noch ganz selten vorkommt. Das sind dann die wirklich echten Überraschungen.

Anleger sollten sich deshalb von vermeintlichen Positiv-Überraschungen nicht allzu sehr blenden lassen, sondern sie so einordnen, wie sie sind: business as usual. Frei und ausführlich übersetzt: Die Annahmen der Analysten leicht zu übertreffen ist nicht mehr die Ausnahme, sondern Normalität.

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