30.000 Produkte - Deutschen sind Weltmeister im Derivategeschäft
Gewinne kassieren in fallenden Märkten

Börsenwetten werden immer beliebter. In den vergangenen Jahren ist der Markt für derivative Finanzprodukte stark gewachsen. Gab es Mitte 1989 gerade einmal 100 Optionsscheine in Deutschland, so können Anleger und Spekulanten heute zwischen mehr als 30.000 verschiedenen Derivaten wählen. Auf viele Menschen üben sie einen ganz besonderen Reiz aus. Der Grund: Gewinne lassen sich im Gegensatz zu Investments in Aktien oder Fonds fast immer erzielen - selbst wenn die Märkte fallen oder stagnieren.

Im Grunde sind Derivate keine eigenständigen Anlageinstrumente.Es handelt sich vielmehr um Kontrakte, deren Bewertung sich aus der Preisentwicklung eines zugrunde liegenden Basiswertes wie einer Aktie oder einer Währung ableitet. Vertragsabschluss und Erfüllung fallen dabei zeitlich auseinander. Beispiele für solche handelbaren Finanzprodukte sind Optionsscheine, Futures, Swaps und Zertifikate.

Noch vor wenigen Jahren waren Derivate eine Domäne von Zockern und Spekulanten."Doch zunehmend werden die Papiere von Kleinanlegern auch als Instrument zur Absicherung wahrgenommen - besonders nach dem letzten Börsencrash", sagt Stefan Gresse, Produktentwickler bei ABN Amro.Stefan Armbruster, Direktor X-Markets bei der Deutschen Bank, kann da nur zustimmen. Er empfiehlt Anlegern, Derivate überproportional dem eigenen Depot beizumischen. "In 80 Prozent der Fälle schneiden beispielsweise Discount-Zertifikate besser ab als die zugrunde liegenden Aktien", weiß Armbruster.Außerdem lasse sich mit Derivaten im Vergleich zu Aktien das Risiko besser diversifizieren.

Dennoch gilt: Die Grenzen zwischen Absicherung und Spekulation sind bei Derivaten fließend.Die vom Experten Armbruster angeführten Discount-Zertifikate zählen zu den eher konservativen Anlageformen mit geringem Verlustrisiko.Ein Beispiel: Die Aktie X notiert an der Börse bei zehn Euro, das entsprechende Discount-Zertifikat kostet acht Euro.Der Käufer erhält die Aktie damit zu einem günstigeren Einstiegspreis.Selbst wenn die Aktie bis zum Ausübungstag an Wert verliert, kann der Anleger noch einen Gewinn erzielen - solange der Kurs nicht unter acht Euro fällt.Diesen Sicherheitspuffer muss er allerdings bezahlen.Von einem möglichen Aufwärtstrend der Aktie profitiert er nämlich nur bis zu einem Höchstbetrag, etwa zwölf Euro.Ist die Aktie am Ausübungstag mehr wert, wird lediglich der Höchstbetrag gezahlt.Notiert sie hingegen unter zwölf Euro, erhält der Anleger die Aktie.

Eine andere, eher konservative Form der Anlage sind Indexzertifikate.Mit einem einzigen Produkt lässt sich das Investment auf dreißig oder mehr Aktien verteilen.Notiert etwa der Deutsche Aktienindex (Dax) an einem bestimmten Tag bei 4 000 Punkten, so kostet das entsprechende Indexzertifikat bei einem Bezugsverhältnis von 1:10 insgesamt 400 Euro.Klettert der Dax in der Folgezeit auf 5 000 Punkte, erhält der Anleger beim Verkauf 500 Euro - ein sattes Plus von 25 Prozent.Zwar kann der Dax - und damit das Zertifikat - auch abstürzen, aber im Vergleich zu anderen Derivaten ist das Verlustrisiko doch eher gering.

Wer dieses Risiko vollständig ausschalten will, kann auf Garantie-Zertifikate zurückgreifen.Bei dieser Produktgruppe erhalten die Anleger einen bestimmten Prozentsatz ihres eingesetzten Kapitals in jedem Fall am Ende der Laufzeit zurück.Dabei ist aber zu bedenken: Je mehr Garantie es gibt, desto geringer fällt die Beteiligung an den Kursgewinnen aus.

Volles Risiko: Optionsscheine

Fast unbegrenzte Gewinn- und Verlustmöglichkeiten bieten hingegen Optionsscheine."Sie können zwar auch konservativ eingesetzt werden, in der Realität ist das jedoch selten der Fall", sagt Stefan Gresse.Im Klartext heißt das: Optionsscheine sind vor allem ein Instrument der Spekulanten.In erster Linie verbriefen die Papiere das Recht, nicht aber die Pflicht, einen Basiswert innerhalb einer bestimmten Frist zu kaufen (Call) oder zu verkaufen (Put).Sie werden wie Aktien an der Börse notiert.Ein wesentliches Element ist der so genannte Hebel.Beträgt er bei einem Put vier, so steigt der Optionsschein um 20 Prozent, wenn der Basiswert um fünf Prozent fällt - zumindest theoretisch funktioniert der Hebel auf diese Weise.In der Praxis hängt der Kurs des Scheins allerdings nicht nur von der Entwicklung des Basiswertes ab, sondern auch von anderen Faktoren - wie von der Restlaufzeit und der Volatilität (der erwarteten Schwankungsbreite der Kurse).

Während diese gewöhnlichen Optionsscheine noch relativ leicht zu verstehen sind, kamen gerade in den vergangenen beiden Jahren Derivate auf den Markt, deren Funktionsweise kaum noch zu durchschauen ist.Sie bieten verschachtelte und komplexe Risikoarchitekturen.Der Phantasie der Emittenten sind fast keine Grenzen gesetzt.Stefan Gresse hält diese Komplexität für schädlich, sie fördere den Absatz der Produkte keinesfalls."In der Zukunft werden sich die Anbieter wieder auf grundlegende Konzepte besinnen", glaubt der Experte.Bis dahin, so rät Armbruster, sollten die Kunden ihre Finger von Derivaten lassen, deren Struktur sie nicht verstehen.Das gelte für konservative Anleger und für Spekulanten.

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