Abschiedsbrief an EZB-Chef
„Leben Sie wohl, Herr Trichet“

Einmal noch leitet Jean-Claude Trichet den EZB-Rat, dann ist für den Franzosen Schluss. Gut so, sagt ein prominenter Landsmann. Star-Fondsmanager Edouard Carmignac stellt Trichet ein vernichtendes Zeugnis aus.
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Wenn morgen der EZB-Rat ausnahmsweise in Berlin zusammenkommt, wird Jean-Claude Trichet zum letzten Mal an seiner Spitze stehen. Zum 31. Oktober endet die achtjährige Amtszeit des Franzosen. Und die Aufgabe, die er seinem Nachfolge Mario Draghi überlässt, ist alles andere als einfach. In der europäischen Schuldenkrise hat die Zentralbank zentrale Prinzipien geopfert: Erst senkte sie Schritt für Schritt die Anforderungen für Wertpapiere, die als Sicherheiten hinterlegt werden dürfen.

Inzwischen kauft die Notenbank selbst Staatsanleihen von Krisenstaaten und greift damit aktiv in die Märkte ein. Von der politischen Unabhängigkeit, einst ein zentrales Gut der EZB, ist in der Krise nicht viel übrig geblieben. Und die internen Gräben sind so tief wie nie, wie nicht zuletzt die Rücktritte der deutschen Spitzen-Notenbanker Axel Weber und Jürgen Stark zeigten.

All das trübt die Bilanz von Jean-Claude Trichet, das Abschlusszeugnis des zweiten EZB-Chefs der Geschichte wird deutlich schlechter ausfallen als das seines Vorgängers Wim Duisenberg.

Nach Meinung von Edouard Carmignac, einem der derzeit profiliertesten Fondsmanager, hat Trichet das Klassenziel sogar klar verfehlt. In einer ganzseitigen Anzeige, die heute in der "Financial Times" erschienen ist, schreibt Carmignac seinem Landsmann einen Abschiedsbrief, der böser nicht sein könnte. Den Originalbrief in voller Länge kann man im FT-Blog "Alphaville" nachlesen.

"Leben Sie wohl, man wird Sie mit Sicherheit nicht vermissen", eröffnet Carmignac das Schreiben. Schon in den 90ern habe er mit seiner Politik des starken Franc der französischen Industrie einen fatalen Einbruch beschert. In der Finanzkrise des Jahres 2008 habe er das Ausmaß unterschätzt und die Auswirkungen der Krise somit verschärft.  Zuletzt schließlich habe der EZB-Chef "den Euro durch schlecht-durchdachte Zinserhöherungen und eine eindeutig unangemessene Unterstützung der Schulden geschwächter europäischer Staaten in Gefahr gebracht".

Trotz seiner tiefen Enttäuschung hat Carmignac die Hoffnung noch nicht vollends aufgegeben. Er hoffe "aufrichtig, dass sich der pflichteifrige Beamte, den wir alle kennen, als wahrer Staatsmann entpuppt". Trichet habe morgen die letzte Chance, eine positive Note zu hinterlassen. Allerdings fordert er nicht weniger als ein Senkung der EZB-Leitzinsen auf Null und eine Absichtserklärung der Notenbank zum unbegrenzten Kauf von Anleihen aus Schuldenstaaten.

Auf diese Weise könnten zwei große Probleme gelöst werden: Schwache Staaten erhielten einen neuen Zugang zu den Märkten zu vertretbaren Bedingungen und europäische Banken könnten vor massiven Rekapitalisierungsmaßnahmen bewahrt werden, die andernfalls durch die Abwertung ihrer Anleihebestände drohten. Eine inflationäre Wirkung von solch drastischen Maßnahmen erwartet Carmignac nicht. Im Gegenteil: Sie würden lediglich die "starken Deflationskräfte" mäßigen, die er durch den um sich greifenden Schuldenabbau erwartet. Den Preis eines sinkenden Euro-Kurses nimmt er dafür gerne in Kauf. Ein schwacher Euro sei immerhin besser als gar kein Euro, schließt der Fondsmanager seine Argumentation.

Den letzten Punkt wird Trichet sicherlich klaglos unterschreiben. Die gut gemeinten Vorschläge seines Landsmannes dagegen wird er mit Sicherheit ignorieren. Und anders als Carmignac werden ihm das viele, insbesondere deutsche EZB-Watcher als (kleinen) Pluspunkt auf seinem EZB-Zeugnis vermerken. Ob es seine Bilanz an der Spitze der Notenbank entscheidend aufpoliert, steht auf einem anderen Blatt.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)

Kommentare zu " Abschiedsbrief an EZB-Chef: „Leben Sie wohl, Herr Trichet“"

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  • @Saythetruth. Sind Sie sich sicher, dass es was nutzt. In meinen Augen ist der EuGH eine europäische Institution, wie jede andere (EZB z.B.). Ob wir dann eine Chance auf Gerechtigkeit haben? Ich glaube kaum. Alles nur ein Puppentheater! Dieser Abzocker Trychter wird womöglich sogar noch mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, mit dem sich die deutschen Profiteure den Französischen bedanken. Und nachdem die letzten Jahre so gut liefen, wird es mit einem (weiter soo)² weiter gehen. Erst wenn gar nichts mehr zu holen ist, denn entsteht sog. Vorrevolutionssituation.

  • wenn der typ ein stellwerk der bahn geleitet hätte wäre es ein blutiges jahrzent geworden

  • Und Tschüß, komm nie wieder, versauf Deine Rente und schreib Falschparker auf. Trichet, Du bist entbehrlich.

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