Asset Allocation feiert ein Comeback
Vermögensstruktur wichtiger als eine heiße Börsen-Wette

Wer hat es nicht schon so oder ähnlich erlebt: Das Gefühl, zu spät den entscheidenden Tipp über die "heißeste Aktie" oder den besten Fonds bekommen zu haben? Nach langem Hin und Her trifft der Anleger dann häufig intuitiv die Kaufentscheidung - aus der ein Verlustgeschäft wird.

HB FRANKFURT/M. In der Aktienhausse setzten die Anleger oft einseitig auf Wachstumstitel, seit Beginn der Baisse vor drei Jahren immer stärker auf sichere Anlageprodukte wie Geldmarkt-, Immobilien- und Rentenfonds. Experten bezweifeln jedoch, dass eine Radikalumkehr bei der Anlagestrategie in jedem Fall wirklich sinnvoll ist. "Geht es etwa um die langfristige Sicherung der Altersvorsorge, können hohe Aktienquoten durchaus von Vorteil sein", betont Min Sun, Geschäftsführer der Bad Homburger Vermögensverwaltungs- und Fondsresearchfirma Feri Trust. Bei weniger langfristigen Ansparzielen, wie etwa zur Erfüllung von Konsumwünschen oder zur Sicherung der Ausbildung der Kinder, könne dagegen eine Reduzierung der Aktienquoten angesichts der hohen Kursschwankungen erwogen werden.

Vor der Auswahl einer konkreten Aktie, Branche oder Region sollte bei einer Geldanlage deshalb zunächst die Frage nach den Zielen und dem Anlagehorizont geklärt werden. In einem ersten Schritt geht es um die Grundstruktur des Vermögens mit Blick auf die Verteilung der Gelder auf Aktien, Anleihen, Immobilien und so weiter. Dabei wird die langfristige Ausrichtung des Portfolios auch als strategische Asset Allocation bezeichnet, die taktische Asset Allocation beschreibt dagegen die Über- oder Untergewichtung von einzelnen Anlage-Klassen.

Wie wichtig das Thema Asset Allokation ist, verdeutlichen auch portfoliotheoretische Studien. Im Jahr 2000 ermittelten die Wissenschaftler Roger Ibbotson und Paul Kaplan anhand der Analyse von Publikums- und Pensionsfonds in den USA über längere Zeiträume, dass 93 % der Erträge eines Fonds von der strategischen Asset Allocation abhängen, nur 3 % gingen auf die Titelauswahl und ganze 2 % auf das Market Timing zurück. Das heißt nichts anderes, als dass die Entscheidung für einen bestimmten Fonds bzw. Fondsmanager einen deutlich geringeren Einfluss auf die Performance hat als gemeinhin angenommen.

Doch gerade hier gibt es bei Privatanlegern Defizite. "Die strategische Allocation wird im Kapitalanlageprozess bei nicht-institutionellen Investoren oft vernachlässigt", beschreibt Ursula Walther von der Technischen Universität Freiberg in einer Studie ein grundlegendes Problem für Privatanleger. Sie macht hierfür neben der hohen Komplexität der Materie auch emotionale Faktoren bei Anlegern verantwortlich. Neben der Konkretisierung der eigenen Ziele empfiehlt sie die Auseinandersetzung mit der eigenen Risikobereitschaft und die Einbeziehung zukünftiger Konsum- und Investitionswünsche in die Anlageentscheidung.

Dies wird im institutionellen Asset Management als "Asset Liability Management" bezeichnet und gilt inzwischen gerade bei Pensionskassen als entscheidend für das Risikomanagements. Auch institutionelle Investoren müssen sich nach dem Aktien-Crash verstärkt der Frage nach der geeigneten strategischen Asset Allocation stellen. Jens Schmitt, Chef deutschen Kapitalanlagegesellschaft von JP Morgan Fleming, stellt in den vergangenen drei bis vier Jahren einen deutlichen Trend zur Professionalisierung bei den Spezialfonds-Kunden fest. "In der Vergangenheit überließ man dem Portfoliomanager die Verantwortung für die Asset Allocation und machte nur grobe Vorgaben bei der maximal erwünschten Aktienquote gemacht; jetzt werden solche Fragen im eigenen Haus geregelt".

Nachholbedarf in Europa

Großen Nachholbedarf sieht Schmitt insbesondere bei Investoren in Kontinentaleuropa. Im Zuge des Einsatzes von Asset-Liability- Modellen würden jetzt die zukünftigen Verpflichtungen verstärkt den Vermögenswerten gegenüber gestellt und deutlich striktere Risikobegrenzungen eingeführt. Die häufige Folge ist laut Schmitt die deutliche Absenkung der Aktienquote bei Versicherern und Pensionskassen - oft allerdings erst, nachdem das Kind bereits in den Brunnen gefallen sei.

Forciert wurde das neue Bewusstsein auch durch die strikteren Verordnungen der Versicherungsaufsicht im letzten Jahr. Heute dürfen Versicherungen in Deutschland maximal 35 % ihrer Gesamteinlagen in Aktien halten, bei Bonds gilt die Investmentgrade-Grenze ("BBB"), und Währungsrisiken müssen durch Absicherungen am Terminmarkt begrenzt werden. Bei den meisten deutschen Versicherern dürfte die Aktienquote wegen des dramatischen Abschmelzens ihrer Reserven derzeit sogar unter 10 % liegen, schätzt Schmitt. Weitaus besser stehen dagegen institutionelle Investoren in den USA, den Niederlanden und Skandinavien da, die bereits frühzeitig ihr Risiko durch Beimischungen etwa von Hedge Funds, Venture Capital und Private Equity reduziert hätten.

Doch solche komplexen Finanzinstrumente stehen Privatanlegern nur selten als Alternative zur Verfügung. Min Sun von Feri Trust rät wegen der noch bestehenden steuerlichen Benachteiligung und der hohen Mindestanlagen sogar explizit von Hedge-Fund-Investments ab, die sich nur für vermögende Investoren als Alternative anböten. Die Ausgangslage könnte sich aber ändern, wenn die Pläne von Finanzminister Eichel zur Zulassung von Hedge-Funds realisiert werden.

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