Bear Stearns
Die Zertifikate-Branche zittert

Am deutschen Zertifikatemarkt haben die Emittenten am Montag mit Erleichterung auf die Rettung von Bear Stearns reagiert. Denn eine Pleite der US-Investmentbank hätte für die Branche schwerwiegende Folgen gehabt. Viele Anleger sind sich den mit Investitionen in Zertifikatre verbundenen Risiken nicht bewusst, glaubt DSW-Sprecher Jürgen Kurz.

FRANKFURT. "Es wäre nicht der Super-Gau für den Markt gewesen, aber das Vertrauen der Anleger in Zertifikate hätte spürbar Schaden genommen", sagt Holger Bosse, Derivate-Experte der Deutschen Bank.

Zwar ist Bear Stearns auf dem deutschen Zertifikatemarkt nur ein kleiner Anbieter - gut 300 Zertifikate bietet die Bank an; die Bank startete ihr Geschäft erst vor wenigen Monaten und hat einen Marktanteil unter einem Prozent. Doch auch die Pleite eines kleinen Emittenten gilt in Branchenkreisen als Schreckensszenario. Der Grund: Zertifikate sind Inhaberschuldverschreibungen. Anders als Fonds, bei denen die Einlagen als Sondervermögen gesichert sind, gehen Investoren hier im Insolvenzfall leer aus. "Viele Anleger sind sich dieses Risikos nicht bewusst", sagt Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). "Das würde sich schlagartig ändern, wenn tatsächlich ein Emittent in die Insolvenz geht und seine Zertifikate nicht zurückzahlen kann."

Für den Zertifikatemarkt wäre das ein empfindlicher Schlag, weil Verkaufsschlager wie Bonus-, Garantie- oder Discountzertifikate vor allem sicherheitsorientierte Anleger ansprechen. Und das mit Erfolg: Von 2005 bis Ende 2007 ist das in Zertifikate investierte Volumen in Deutschland nach Angaben des Branchenverbandes DDV von 80 auf 135 Mrd. Euro gestiegen. Erst zuletzt gab es Probleme, weil die Börsen-Talfahrt Anleger verschreckt hat. Außerdem drückt die Abgeltungsteuer auf die Stimmung. Sie wird zwar grundsätzlich erst 2009 eingeführt; für Zertifikate gilt sie aber bereits dann, wenn diese nach dem 14. März 2007 gekauft wurden und über den 30. Juni 2009 hinaus gehalten werden.

Umso wichtiger ist es für die Banken, dass die Anleger bei Bear Stearns mit einem blauen Auge davon kommen. In der offiziellen Pressemitteilung von JP Morgan zur Übernahme hieß es gestern, dass die Bank die Handelsverpflichtungen von Bear Stearns ab sofort übernehme und garantiere. Was das konkret für das deutsche Zertifikategeschäft bedeutet, werde sich in den nächsten Tagen und Wochen konkretisieren, so JP Morgan. Gestern konnten Anleger die Papiere allerdings weder an der Börse noch außerbörslich handeln. Der Handel soll aber wieder aufgenommen werden, "sobald wir wissen, wie sich das geringere Bonitätsrisiko nach der Übernahme auf die Preise der Zertifikate auswirkt", kündigte Thorsten Wegener, Managing Director bei Bear Stearns, an.

Trotz des glimpflichen Ausgangs sollten Anleger allerdings ihre Lehren aus der Beinahe-Pleite von Bear Stearns ziehen, rät Anlegerschützer Kurz: "Neben dem Blick auf den Basiswert und das Auszahlungsprofil gehört der Blick auf die Kreditwürdigkeit des Emittenten immer dazu. Und da gilt die Devise: Je größer eine Bank ist, desto unwahrscheinlicher ist eine Pleite." Bisher seien die Kreditrisiken allerdings in den Preisen der Zertifikate nicht abzulesen, weil die Emittenten diese selbst bestimmten und die Anleger auch keine Differenzierung verlangten. Hier fordert Kurz ein Umdenken: "Bei Unternehmensanleihen ist es völlig normal, dass Firmen mit schlechterem Rating auch höhere Risikoprämien zahlen. Ich verstehe nicht, wieso das bei Zertifikaten anders sein soll."

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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