Bei Vertriebszulassungen für neue Fonds arbeiten EU-Beamte langsamer als US-Kollegen
Fondsgesellschaften monieren Regulierungswahn

Die Bemühungen, ausländischer Fondsgesellschaften einen europäischen Binnenmarkt für Finanzdienstleistungen zu schaffen, werden nach wie vor durch nationale Barrieren und unsichtbare Hindernisse gestört

bba LONDON. Die Janus Capital Group ist auf die europäischen Finanzaufsichtsbehörden vermutlich schlecht zu sprechen: Im November 2002 hatte das US-Fondshaus die Behörden gebeten, einen Investmentfonds zu prüfen, der in US-Aktien investiert. Ende April dieses Jahres, als die Fondsgesellschaft den „Janus Risk-Managed Core Fund“ auflegte, hatten 10 von 12 Finanzbehörden ihr Ok für den Vertrieb in den jeweiligen Ländern gegeben. Auf grünes Licht der restlichen beiden wartet die Gesellschaft bis heute.

Die Bemühungen, einen europäischen Binnenmarkt für Finanzdienstleistungen zu schaffen, werden nach wie vor durch nationale Barrieren und unsichtbare Hindernisse gestört. Doch in keinem Bereich spüren Investoren diese Hindernisse deutlicher als auf dem riesigen Markt für Investmentfonds. Nur knapp ein Drittel (31 %) der knapp 25 000 Fonds, die europaweit vertrieben werden, werden auch in mehr als in einem Land verkauft, wie Morningstar Inc. ermittelte.

Die unterschiedlichen Anforderungen, die erfüllt sein müssen, damit nationale Aufsichtsbehörden Investmentfonds zum Vertrieb zulassen, sind aber nur ein Hindernis auf dem Weg zu einem europaweiten Finanzdienstleistungssektor (Grafik). Auch die nationalen Steuerregelungen begünstigen Fonds, die im eigenen Land aufgelegt wurden, gegenüber solchen, die aus dem Ausland kommen. Die von Land zu Land unterschiedlichen Regelungen führen manchmal sogar dazu, dass bestimmte Fonds gar nicht in allen 15 europäischen Ländern verkauft werden können.

„BMW vertreibt seine Autos in ganz Europa. Aber alle sind sie in Deutschland produziert“, beklagt John Ingamells von Fidelity International, einer Tochter von Fidelity Investments. „Auch wir verkaufen Fonds in ganz Europa. Doch wir mussten sie in vier verschiedenen Ländern auflegen. Bis zur Umsetzung des europäischen Binnenmarktes ist es noch ein langer Weg“.

Die EU-Kommission hat sich bei der Lösung dieser Probleme bislang nicht gerade beeilt. Die Kommission wisse, dass Finanzaufsichtsbehörden in jedem Land die Regeln anders auslegen, meint ein Vertreter. Doch durch eine verkürzte und einheitliche Form der Verkaufsprospekte, die noch in diesem Herbst eingeführt werden solle, erhoffe sich die Kommission eine Vereinfachung des Prüfprozesses.

Branchenvertreter beklagen, dass wegen fehlender einheitlicher Regelungen viel Zeit und Geld verschwendet werde. Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung ZEW hat berechnet, dass man jährlich mindestens 5 Mrd. Euro sparen könnte, wenn es bei Investmentfonds den Binnenmarkt tatsächlich schon gäbe. Und ein Teil dieser Ersparnis könnte an Investoren weitergereicht werden. Die Kosten für den neu aufgelegten Janus Investmentfonds beispielsweise sind in Europa 11 % höher als für die vergleichbare US-Version des Fonds, den „Janus Risk-Managed Stock Fund“. Die Fondsgesellschaft beantragte in den USA die Prüfung des Fonds Mitte Dezember, Ende Februar war sie abgeschlossen, der Fonds aufgelegt und zum Vertrieb zugelassen. In den USA kümmert sich eine einzige Aufsichtsbehörde um die Prüfung von Investmentfonds, der Verkaufsprospekt ist auf Englisch. Europäische Behörden arbeiten bei weitem nicht so reibungslos. Das fängt schon damit an, dass in jedem EU-Land eine andere Aufsichtsbehörde sitzt und hört mit dem babylonischen Sprachgewirr in Europa längst nicht auf.

Offensichtlich gibt es wenig Anreize, die Finanzaufsicht EU-weit zu vereinheitlichen. Die Harmonisierung der Steuergesetzgebung für Investments wäre eine Herkulesaufgabe. Die Kommission kann zudem wenig dazu beitragen, die Vertriebskanäle zu öffnen, denn die werden von den lokalen Banken gesteuert.

Dennoch bleibt Europa für Investmentfonds ein Wachstumsmarkt, wurden doch im vergangenen Jahr 1 438 neue Fonds aufgelegt, wie Morningstar ermittelte. Und Branchenvertreter sind sich einig, dass es weiteres Potenzial gibt. Investmentfonds machen bei den Vermögensanlagen privater Haushalte in Europa gerade Mal 13 % aus, in den USA sind es immerhin 22 %, sagt Richard Garland, Chef von Janus International. Wenn die Europäer diesen Investitionsgrad erreichen wollten, müssten sie weitere 1,6 Bill. $ in europäische Fonds investieren. Rechnet man alle Arten von Fonds zusammen, sind hier bislang 4,6 Bill. $ investiert. Die unterschiedlichen Regelungen innerhalb der EU-Staaten werden die Fondsbranche wohl aber noch eine Weile beschäftigen. Garland, nach den Ländern befragt, die die Harmonisierung am stärksten bremsen, sagt: „Einige der Länder, in denen es länger dauert, bis ein Fonds aufgelegt ist, gehören zu den fortschrittlichsten in Europa“.

Quelle: Wall Street Journal

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