Die Investmenthäuser werden immer häufiger in Hauptversammlungen auftreten
Fonds treten Firmen auf die Füße

„Uns stört Ihr quasi-autistisches Verhalten, das wir weder verstehen noch akzeptieren werden.“ Die verbale Attacke galt Frank Bsirske. Mit heftigen Worten griff Thomas Körfgen auf der Hauptversammlung der Lufthansa den stellvertretenden AufsichtsratsVorsitzenden an. Der Aktien-Chef von SEB Invest kritisierte, der Verdi-Gewerkschafter sei trotz seiner Verfehlungen im Tarifstreit und des Misstrauens gegen ihn „an seinem Sessel kleben geblieben“.

FRANKFURT/M. Körfgens gestriger Angriff in Köln zum Ende der HV-Saison der Dax-Unternehmen gibt die Marschrichtung für die Zukunft vor. Laut Experten werden sich immer mehr Fondshäuser zur Wahrung der Anlegerinteressen in die Firmenpolitik einmischen und gute Unternehmensführung einfordern: „Corporate Governance“ ist bereits heute ein Top-Thema. So geht Deutschland in Richtung amerikanischer Verhältnisse. Die ebenfalls aktienorientierten Briten dagegen schlagen jetzt etwas leisere Töne an - zumindest, was öffentliche Auftritte angeht.

Hier zu Lande leistete Mitte der neunziger Jahre die DWS Pionierarbeit. Als erste deutsche Investmentgesellschaft machte sie ihrem Unmut über Fehlentwicklungen öffentlich Luft. Andere folgten. Die große Union Investment ist jetzt ebenso mit von der Partie wie die kleine SEB Invest. Jüngstes Mitglied im Club der Aufmüpfigen ist die zur Sparkassengruppe gehörende Deka Investment.

Die Geldmanager sagen ihre Meinung nicht nur in Einzelgesprächen mit Firmenvertretern. Sie nehmen auch ihr Abstimmungsrecht auf den Aktionärstreffen wahr, nutzen diese Plattform außerdem für medienwirksame Auftritte.

Dennoch stellte sich der weltweit zweitgrößte Vermögensverwalter Allianz Dresdner Asset Management (Adam) gegen die genannten Adressen. Adam-Vorstand Joachim Faber kanzelte die Auftritte seiner Konkurrenten als Schaulaufen und Befriedigung von Profilierungsbedürfnissen ab – auch wenn er dafür diplomatischere Worte fand. Er will lieber hinter den Kulissen auf die Firmen einwirken. Ganz ähnlich äußert sich Fabers Aktienchef Andreas Utermann: „Ich halte es für gefährlich, das wichtige Thema Corporate Governance auf den publikumswirksamen Auftritt von Fondsgesellschaften auf Hauptversammlungen zu beschränken.“

Der Adam-Standpunkt stößt auf wenig Verständnis. Für Körfgen von der SEB ist das Gegenargument, „dass die Auftritte auf Hauptversammlungen nur Marketing-Gags sind, ein Ablenkungsmanöver, um von den wahren Beweggründen der Nichtteilnahme abzulenken“. SEB-Sprecher Hans-Werner Martin wagt sich weiter vor: „Vielleicht sind hier die so genannten Chinese Walls, die Konflikte zwischen den Interessen des Fonds und der Mutterbank verhindern sollen, ja doch nicht so hoch, wie sie sein sollten“.

DWS-Geschäftsführer Klaus Kaldemorgen bleibt moderat. „Wir verstehen die Debatte nicht. Das gesetzlich geschützte Rederecht auf Hauptversammlungen ist eine wichtige Institution der Aktionärsdemokratie“, sagt er. Und DWS-Fondsmanager Henning Gebhardt ergänzt: „Nicht immer erzielt man mit Gesprächen hinter den Kulissen die erwünschten Effekte. Die öffentliche Äußerung bei der Hauptversammlung kann manchmal mehr bewirken.“

Etwas anders begründet Deka-Geschäftsführer Gunars Balodis den Politikwechsel des Hauses. „Unsere Anleger nahmen an, dass wir ihre Interessen nicht vertreten, weil sie das nicht beobachten konnten“, sagt er. Balodis glaubt außerdem, „dass wir wegen des gesunkenen Vertrauens in die Aktie genau dieses Vertrauen wieder herstellen müssen“. Er ruft die Branche auf, „in Zukunft den Einsatz der Gelder im Sinne der Anleger und die Transparenz der Firmenpolitik, etwa bei den Vergütungen und der Strategie, stärker einzufordern“.

An den Trend zur stärkeren Einmischung glaubt auch Jens Wilhelm, Leiter Aktienfondsmanagement bei Union Investment. „Studien bestätigen, dass das öffentliche Engagement der Investmentgesellschaften die langfristige Performance der betroffenen Unternehmen verbessert“, sagt er zur Begründung.

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