Expertenduell
„Wer passiv kauft, muss Mut haben“

Aktiv versus passiv: Seit jeher stellen sich Anleger die Frage, welcher Strategie sie folgen sollen. Geht besser als der Markt? Oder ist nicht mehr drin als der Index? Zwei Experten treffen sich zum Schlagabtausch.
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BochumFür seine Schönheit würde der Hörsaal 50 im Gebäude GC der Bochumer Ruhr-Universität wohl keinen Preis gewinnen. Eng sind die Bankreihen in dem fahlen, fensterlosen Raum, steil fallen sie zum Podium hin ab. Dennoch drängen sich auch an diesem Nachmittag von Minute zu Minute mehr Studenten herein; am Ende sitzen rund 100 meist Dritt- oder Viertsemester aufmerksam und mit aufgeschlagenen Spiralblöcken da. Sie wollen die Prominenz nicht verpassen, die Stephan Paul, Professor für Finanzierung und Kreditwirtschaft, an diesem Nachmittag für sie in die Vorlesung geholt hat.

Da ist zum einen Ingo Mainert, Leiter der Multi-Asset Sparte Europa bei Allianz Global Investors (AGI). Er will die Studenten davon überzeugen, dass Anleger mit einem aktiv gemanagten Fonds Marktineffizienzen ausnutzen und den Markt schlagen können. Doch vertritt Mainert damit nur die eine der zwei großen Anlegerphilosophien. Verfechter passiv gemanagter Anlageprodukte ist Thomas Meyer zu Drewer, der seit drei Jahren bei der Commerzbank das Geschäft mit börsengehandelten Investmentfonds, den sogenannten Exchange Traded Funds (ETF), unter der Marke Comstage verantwortet. Anleger fahren besser, wenn sie ihr Portfolio an einem Index ausrichten, so sein Credo. Auf dass der Schlagabtausch beginnen möge!

„In der Krise können sich Märkte viel länger irrational verhalten, als Anleger liquide sind“, zitiert Ingo Mainert gleich zu Beginn den großen Ökonomen John Maynard Keynes. Er greift damit die Stimmung unter den großen Investoren auf: Wie der Risikomonitor der AGI vom Monat Oktober zeige, sehen rund 45 Prozent der Befragten derzeit ein erhöhtes Risiko für Übertreibungen an den Aktienmärkten.

Mainerts Punkt: Auch wenn renommierte Forscher wie der diesjährige Nobelpreisträger Eugene Fama die Effizienz der Märkte predigen; in Wahrheit verhielten sich Anleger eben emotional neigten zu Übertreibungen – so, wie es der andere Nobelpreisträger Robert J. Shiller verhaltenstheoretisch hergeleitet hatte. Doch könnten aktive Fondsmanager manche der so provozierten Marktanomalien ausnutzen.

So etwa diverse Kalenderanomalien. Selbst in den Jahren nach der Finanzkrise habe sich die Regel als robust erwiesen, dass diejenigen Anleger am Aktienmarkt profitierten, die im Mai ihre Wertpapiere verkaufen und erst im September wieder einsteigen. Traditionell seien das vierte und erste Quartal eines Jahres im Anlagezyklus die starken Quartale, das zweite und dritte Quartal schnitten dagegen stets schwächer ab, so Mainert. Ebenfalls glaubt der Stratege an Monatsendeffekte: „Alleine, wenn man immer die letzten und die ersten vier Handelstage eines Monats im Markt investiert ist, kann ein passives Investment geschlagen werden.“

Auch lohne es sich, die berühmte Jahresendrally im Auge zu behalten: Demnach laufen Aktien bis zum Jahresende immer dann gut, wenn sie bis Thanksgiving absolut gut abgeschnitten haben und relativ besser gelaufen sind als Renten. „Das hat sich in der Regel ausgezahlt“, sagt Mainert, „das ließe sich im Portfoliomanagement durchaus umsetzen.“ Allerdings: Entscheidend sei es, nicht allein in den Rückspiegel zu schauen, sondern diejenigen Märkte zu identifizieren, in denen realwirtschaftlich Bewegung steckt, „die Maschinenräume der Weltwirtschaft.“

Kommentare zu " Expertenduell: „Wer passiv kauft, muss Mut haben“"

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  • Was ist denn das mit Verlaub für eine gequirlte Scheisse?

    ETFs sind in Deutschland nicht sehr beliebt, weil hier Fonds verkauft und nicht gekauft werden. An dem Verkauf der ETFs verdient die Bank nichts und deshalb bleibt es bei dem Provisionsbringer.

    Machen Sie sich mal den Spass und lassen (nach Kosten) einen globalen aktiven Aktienfonds gg den MSCI World laufen.

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