Finanzmathematiker machen Risiken handelbar
Derivate treten zum großen Siegeszug an

Sie sind die Erfolgsstory der modernen Finanzgeschichte und bei ihrem globalen Siegeszug längst auf allen fünf Kontinenten angekommen - Derivate. In einer von Internationalisierung und Globalisierung bestimmten Welt sind sie zu einem unverzichtbaren Bestandteil des Finanz- und Börsenwesens geworden. Mit der stärkeren Verzahnung der Weltwirtschaft sind in den vergangenen Jahren neue und komplexere Risiken aufgetaucht, denen sich alle am Wirtschaftsleben Beteiligten stellen müssen.

HB DÜSSELDORF. Derivate eignen sich ideal zum modernen Management solcher Risiken.

Der große Vorteil: Mit Derivaten können Risiken von ihren Basiswerten getrennt und handelbar gemacht werden. Gegen eine Prämie übernimmt zum Beispiel ein Investor das Risiko, dass ein Schuldner zahlungsunfähig wird. Solche Risiken können mittels Derivaten also ge- und verkauft werden. Diese künstlichen Finanzinstrumente ermöglichen - bei richtigem Einsatz - eine wesentlich effizientere Gestaltung und Steuerung marktwirtschaftlicher Systeme. Derivate wie Optionen, Futures, Forwards oder Swaps sind von Kapitalanlagen wie Aktien, Anleihen, Rohstoffen und Indizes abgeleitete künstliche Finanzinstrumente, die entweder an speziellen Börsen oder aber im Interbankenmarkt - dem so genannten Freiverkehr - gehandelt werden.

Ihr Erfolg wird immer deutlicher: In den ersten sieben Monaten 2004 haben die weltgrößten Terminbörsen Eurex (+ 3 %), Chicago Mercantile Exchange (+ 23 %), EuronextLiffe (+ 21 %) und Chicago Board of Trade (+ 32 %) ihre Umsatzzahlen markant gesteigert. Die prozentual stärksten Zuwächse erzielten die Derivatebörsen in Chicago, die eindeutig vom Wettbewerb mit der US-Tochter der Eurex profitierten.

Für den Freiverkehrsmarkt - der wesentlich größer ist als der Markt für börsengehandelte Derivate - liegen für 2004 noch keine Statistiken der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) vor. Banker sagen, das Wachstum der OTC-Derivate habe auch in diesem Jahr angehalten. Nach Angaben der BIZ lag der Notional Value (Nominalwert) von Zinsswaps - dem weltweit größten Derivatesegment - Ende Dezember 2003 bei 200 Billionen Dollar. Im Vergleich zu Ende Juni 2003 entspricht dies einem Anstieg um 16 %. Im ersten Halbjahr 2003 hatte dieses Marktsegment 20 % zugelegt.

Während die großen Derivatesegmente - sowohl börsennotiert als auch OTC - nach wie vor mit Raten von 10 % und mehr wachsen, ist die Dynamik jüngerer Derivatearten nicht selten noch stärker ausgeprägt. So zum Beispiel auch am Markt für Kreditderivate, der seit Jahren zweistellige prozentuale Wachstumsraten aufweist. Ähnlich dynamisch entwickelt sich auch der Markt für Wetterderivate, was angesichts zunehmender witterungsbedingter Risiken für die Weltwirtschaft nicht überrascht. Im Zeitraum von April 2003 bis März 2004 ist der Notional Value von Wetterderivaten nach Angaben der Branchenorganisation Weather Risk Management Association auf das Rekordhoch von 4,6 Mrd. Dollar gestiegen, was einem Anstieg von rund 10 % entspricht. Sowohl Kredit- als auch Wetterderivate werden bislang lediglich im Freiverkehr gehandelt. Wegen des durchschlagenden Erfolgs denken führende Terminbörsen in der Welt jetzt jedoch stärker darüber nach, auch diese innovativen Produkte in ihre Angebotspalette aufzunehmen.

Derivate haben eine große Zukunft; denn an Ideenreichtum mangelt es den Mahematikern in der Finanzbranche bei der Entwicklung neuer Produkte nicht. So stellen findige Köpfe der Branche seit kurzem Überlegungen an, eine alte Derivate-Idee neu zu beleben. Sie wollen für den weitgehend intransparenten, illiquiden und für Anleger kaum "greifbaren" Immobilienmarkt Derivate kreieren, mit denen die bei Grundstücken und Häusern bestehenden Chancen und Risiken handelbar gemacht werden sollen. Bislang ist es dem Immobilienmarkt nämlich noch nicht gelungen, zu einer allseits anerkannten Anlageklasse zu werden. Derivate auf Konjunkturindikatoren (Inflationsraten, Bruttoinlandsprodukt, Arbeitsmarktdaten) und auf chemische Kunststoffe (wie PVC) sind bei den internationalen Terminbörsen derzeit in der Planung.

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