G8-Gipfel
„Vulture Funds“ beginnen zu kreisen

"Vulture Funds" beginnen zu kreisen, wenn ein Staat nicht mehr zahlungsfähig ist. Sie kaufen die Schuldtitel von Entwicklungsländern auf. Ob die Politik dieser Branche Einhalt gebieten kann, ist eines der Themen beim G8-Gipfel.

BERLIN. Eines Morgens steht Neil Watkins mitten in einer Wolke aus Tränengas in Senegals Hauptstadt Dakar. Der 19-jährige Student ist gerade aus Washington gekommen, um vor Ort zu sehen, wie die Schuldenpolitik der Weltbank wirkt. Jetzt erfährt er es hautnah: Die Polizei attackiert Studenten, die gegen die Auflagen für Finanzhilfen an den Senegal protestieren. Um an den lebensnotwendigen Hilfen der Weltbank teilzuhaben, werden die Ordnungshüter auf die eigene Jugend und Elite von morgen gehetzt. Dieser Eindruck brennt sich bei Watkins ein, erzählt er jetzt, zwölf Jahre später: "Als ich in die USA zurückkehrte, wollte ich die Menschen darüber aufklären."

Jetzt ist so eine Stunde der Aufklärung: Rund um den G8-Gipfel, der am morgigen Mittwoch im japanischen Hokkaido endet, ist Neil Watkins im Dauereinsatz. Der heute 31-jährige Politologe ist Chefkoordinator von Jubilee USA, einem Zusammenschluss von über achtzig Nichtregierungsorganisationen (NGO), die sich für den bedingungslosen Schuldenerlass für Entwicklungsländer einsetzen. Jubilee mobilisiert in Washington alle Kräfte, damit auf dem Gipfel Schritte unternommen werden, die über die bisherigen Erlasse hinausgehen.

Kredite seien eine "neue Form der Sklaverei", ist Watkins Überzeugung. "Die Menschen dort haben ein Recht auf Würde und Zukunft. Die Abhängigkeit von internationalen Kreditgebern bringt sie aber unter extreme Kontrolle", erklärt er.

So betrachtet, ist Michael Sheehan ein Sklavenhalter neuen Formats. Er ist darauf spezialisiert, Schulden von Entwicklungsländern aufzukaufen und sie in voller Höhe plus Zinsen und Spesen einzuklagen.

Die dafür aufgelegten Fonds brandmarken Watkins und andere Kritiker als "Vulture Funds" ("Geierfonds"), die sich daran bereichern, überschuldeten Ländern noch den letzten Dollar abzupressen. Sie gehören zu den umstrittensten Akteuren an den Finanzmärkten. Weltbank, Internationaler Währungsfonds und auch die Bundesregierung schlagen inzwischen Alarm, denn sie sehen ihre Entschuldungspolitik durch die Geierfonds untergraben.

Sheehan ist in der Öffentlichkeit kein Unbekannter, seit sein Unternehmen Debt Advisory International über die Fondsgesellschaft Donegal International das Entwicklungsland Sambia erfolgreich auf die Zahlung seiner Schulden an Donegal verklagte und gut 15 Millionen US-Dollar zugesprochen bekam. Das Urteil des Britischen Obersten Gerichtshofes im Februar 2007 hat einen Sturm gegen die Geierfonds ausgelöst, der sich seitdem verstärkt. Bereits auf dem G8-Gipfel in Heiligendamm waren sie ein Thema, in diesem Jahr erhofft sich die inzwischen breite Kritikerfront konkretere Schritte.

Michael Sheehan ist ein privater Geschäftsmann und wenig kontaktfreudig - um es vorsichtig auszudrücken. Die BBC will ihn nach dem aufsehenerregenden Sambia-Urteil Anfang vergangenen Jahres interviewen und spürt Sheehan eines Morgens in einem Vorort in Washington D.C. bei einem Spaziergang auf: Mit Mütze und großer Sonnenbrille im Gesicht sagt er wenige Sätze, drückt das Mikrofon beiseite und schließt rasch die Pforte zum Vorgarten seiner Villa hinter sich. Weder er noch seine Mitarbeiter und Anwälte reagieren auf Anfragen, auch einer Anhörung zu dem Thema Geierfonds im US-Kongress bleibt er fern.

Seite 1:

„Vulture Funds“ beginnen zu kreisen

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%