Geldexperte im Interview
„So komplex wie zuletzt vor der großen Depression“

Die diffusen Ausschläge der Märkte verwirren viele Anleger. Der Chefstratege von Blackrock Deutschland erklärt, warum die gleiche Nachricht an einem Tag für Kursgewinne und am nächsten zu Verlusten führen kann.

FrankfurtWas an den Börsen geschieht, scheint für Anleger immer weniger nachvollziehbar. Zu viel prallt auf die Kapitalmärkte ein, mal reagieren die Kurse von Aktien auf bestimmte Nachrichten extrem, dann wieder gar nicht. Der Wust von Treibern des Marktes und Risiken aus Wirtschaft, Politik und Krisenherden braut sich zu einer Gemengelage zusammen, die viele Anleger den Kopf in den Sand stecken lässt. Dabei müssen sie dringend vernünftig ihr Geld anlegen, um auch im Alter finanziell über die Runden zu kommen. Im Interview erklärt Martin Lück, Chef-Anlagestratege Deutschland beim weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock, was Vermögende beachten sollten.

Herr Lück, spielen die Börsen verrückt?  Der Euro ist gegenüber dem Dollar gestiegen, seit die Europäische Zentralbank den Leitzins auf Null gesenkt hat. Der Ölpreis klettert seit dem gescheiterten Abkommen der Ölerzeugerländer zur Produktionsbegrenzung. Und die Aktienkurse pendeln dazu anscheinend wild hin und her.
Lück: Die Lage ist für Anleger extrem unübersichtlich. Das macht es ihnen schwer, einen geraden Pfad zu verfolgen.

Welche Einflussfaktoren beschäftigen Sie aktuell?
Es ist eine komplex wirkende Kombination, die uns seit Anfang des Jahres in Aufregung hält: Es gibt klassische Konjunktursorgen mit Blick auf China, auch auf die USA. Dort fürchtet man ja, dass rezessive Tendenzen auch den Dienstleistungssektor belasten könnten. Dann diskutieren wir Kraft oder Kraftlosigkeit der Notenbanken und die Frage, was zurück zu einer Normalisierung von Geldpolitik führen kann. Für Spannung sorgt zudem der Einfluss des Ölpreises bis hin zu politischen Themen wie Brexit, der US-Präsidentschaftswahlkampf sowie die Destabilisierung im Nahen Osten und das Flüchtlingsthema.

Schon allein der niedrige Ölpreis verwirrt: Er beglückt die Verbraucher, aber verunsichert offenbar die Investoren.

Ja, zuletzt hat sich der Ölpreis um gut die Hälfte erholt, ohne dass sich an fundamentalen Daten etwas geändert hat. Die Schwäche kommt nicht von der Nachfrageseite, das zeigte dann ein noch größeres Problem der Konjunktur auf. Sie stammt von der Angebotsseite - das ist erst einmal gut für die Verbraucher, ein Konjunkturprogramm.

Und was stört die Anleger dann?
Investoren sehen vor allem die Probleme der Schwellenländer, die in den letzten zehn Jahren der Wachstumstreiber für die Weltwirtschaft waren. Viele Emerging Markets exportieren Öl und leiden unter dem niedrigen Preis. Das führt auch dazu, dass die großen Staatsfonds wegen des niedrigen Ölpreises Aktien verkaufen: Saudi Arabien etwa hat Papiere für über 100 Milliarden Dollar verkauft, Norwegen mit seinem  größten Ölfonds der Welt  könnte auch dazu gezwungen sein. Anleger fürchten einen Kaskadeneffekt, der schlecht für  Aktien wäre. 

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