Grüße an die WestLB
Zertifikat weckt böse Erinnerungen

Eines muss man den Derivate-Experten der Landesbank Berlin (LBB) ja lassen: Chuzpe haben sie.

FRANKFURT. Die Hauptstadt-Banker bringen mitten in der Finanzkrise ein Zertifikat auf den Markt, mit dem Anleger auf eine rückläufige Kursdifferenz (im Fachjargon: Spread) zwischen Stamm- und Vorzugsaktien von VW spekulieren können.

VW-Vorzüge? Klingelt es da etwa bei irgendjemandem? Richtig! Die Vorzugsaktien des Autobauers waren es, die vor wenigen Monaten die WestLB in eine tiefe Krise stürzten. Auch die Händler der Düsseldorfer Landesbank hatten in großem Stil darauf gewettet, dass sich der Abstand zwischen den teureren Stammaktien und den billigeren, weil auf Hauptversammlungen stimmrechtslosen Vorzugsaktien verringert.

Passiert ist jedoch das Gegenteil. Und die Folgen sind bekannt: Die WestLB verbuchte im Eigenhandel einen Verlust in mindestens dreistelliger Millionenhöhe. Bis heute kämpft die Landesbank verzweifelt darum, ihre Bestände an Vorzugsaktien abzubauen. Weil viele jetzt jedoch gegen die WestLB wetten, drohen weitere Verluste. Die ganze Aktion brachte deshalb WestLB-Chef Thomas Fischer und zahlreiche weitere Führungskräfte um den Job. Und die stolze Landesbank, die noch vor kurzem eine aktive Rolle in der Konsolidierung des deutschen Finanzsektors spielen wollte, gehört inzwischen selbst zu den Übernahmekandidaten. Die SachsenLB lässt grüßen!

Das neue Zertifikat der Berliner Konkurrenten muss deshalb für die WestLB wie Hohn wirken. Und das bereits zum zweiten Mal: Die Berliner hatten Mitte März schon einmal ein baugleiches Wertpapier auf den Markt geworfen. VW-Stämme kosteten damals 104,66 Euro, die Vorzüge 74,78 Euro. Das Zertifikat floppte jedoch genauso wie die Aktion der WestLB: Nach immensen Verlusten wurde das Papier inzwischen aus dem Verkehr gezogen. Wer 30 Euro für das Zertifikat bezahlt hatte, bekam ganze 9,25 Euro zurück.

Die VW-Stammaktien sind trotz heftiger Turbulenzen auf den Aktienmärkten in den letzten Wochen um ein Viertel auf knapp 150 Euro gestiegen. Der Spread liegt mittlerweile bei knapp 60 Euro. Wer die Stämme einsammelt, bleibt am Markt ein Rätsel. Seit Porsche langsam die Macht bei dem Konzern übernimmt, jagt eine Spekulation die andere. Vielleicht geben die Stammaktien irgendwann nach, wenn diese spekulative Blase platzt.

Eine Garantie für eine Aufholjagd der VW-Vorzüge und damit den Siegeszug des neuen Zertifikats ist das allerdings nicht. Die LBB übernimmt deshalb selbst auch keine Positionen in diesem Spiel. So tollkühn wie die Anlagestrategen der WestLB sind die Berliner dann doch nicht.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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