„Hedge Knights“
Theater um das große Geld

Gefängnis, Scheidung, Flucht – oder doch ein Happy End? Im Theaterstück „Hedge Knights“ der Berliner Performance-Gruppe Machina Ex entscheidet allein das Publikum über Gedeih und Verderb eines Hedgefonds-Managers.
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DüsseldorfAugust Mohr ist ein gemachter Mann. In seinem großzügigen Büro im obersten Stockwerk eines beliebigen New Yorker Wolkenkratzers räkelt er sich genüsslich in seinem Sessel. Links von ihm, auf einem Sideboard türmen sich die Rechner, Bücher von Warren Buffett und George Soros stapeln sich auf seinem Schreibtisch. Zur rechten funkelt auf einem Beistelltischchen der Whiskey vor sich hin, das Regal ist voll von Ordnern mit ellenlangen Zahlenlisten, daneben steht Mohrs Bibel: das Finanzlexikon. Von der Wand lächelt Bill Clinton. Es ist das Jahr 1995. August Mohr ist Chef von Stonehedge Capital, dem größten Hedgefonds des Landes.

„Warum wollen Sie denn gerade für mich arbeiten?“, fragt er die frisch gebackene Uniabsolventin Denise, die ihm – adrett in grünen Pumps, enger Bluse und streng sitzender Frisur – im Vorstellungsgespräch gegenüber sitzt. „Ich wollte mal wissen, wie man wirklich viel Geld verdient“, sagt die. „Dann üben Sie doch mal. Nehmen Sie 10.000 und machen sie etwas damit. Morgen will ich Resultate sehen“, sagt Mohr. „Gleich 10.000?“ Denise gerät in Panik, sie hat keine Ahnung von Spekulation. „Was machʼ ich denn nur?“, fragt sie schließlich – das Publikum um Hilfe.

Es ist eine neue Art des interaktiven Theaters, das die neunköpfige Berliner Performance-Gruppe Machina Ex an diesem Abend in Düsseldorf auf die Bühne bringt. Sich zurücklehnen, abschalten, das Theaterstück auf sich wirken lassen – all das gibt es hier nicht. Stattdessen muss das Publikum permanent eingreifen, mithelfen, mitentscheiden, wie die Geschichte um Stonehedge Capital und deren Kämpfer auf eigene Faust („Hedge Knights“) weitergeht. Mehr als zwölf Personen passen nicht hinein in das Büro von Hedgefonds-Manager August Mohr; so ist die Bühne zugleich Zuschauerraum und umgekehrt.

Denise hat nicht viel Zeit, sie muss anschließend mit August feiern gehen, ihm beweisen, dass sie das Leben an der Wallstreet – tagsüber arbeiten und abends ausgelassen sein – beherrscht. Wie ein Hedgefonds vorgeht ist Denise klar - zumindest theoretisch: er spekuliert auf künftige Kursentwicklungen, kauft, wenn er glaubt, dass die Kurse steigen, verkauft, wenn er glaubt, dass Kurse sinken. Aber wie soll sie nun ihre 10.000 einsetzen, so dass sie möglichst hohen Gewinn bringen? Denise braucht etwas, worunter sie sich etwas vorstellen kann. Nahrungsmittel kommen ihr in den Sinn. Doch soll sie „long“ gehen oder „short“?

Erst im Finanzlexikon finden die zwölf Zuschauer alle Informationen, die sie brauchen, um die Order für Denise abzuschließen: ein Over-the-Counter, also außerbörsliches Geschäft, soll es werden, ein Leerverkauf, der auf sinkende Reispreise wettet: „Sichere dir heute die Option, in 60 Tagen Reis im Wert von 10.000 Dollar zu verkaufen. Dabei musst du den Reis gar nicht besitzen, sondern zum Stichtag einfach günstiger erwerben und mit Gewinn weiterverkaufen“, rezitiert Denise die Funktionsweise des Geschäfts. Der Rechner verarbeitet die Order und ein grüner Haken signalisiert: der Deal ist durch.

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