Indexfonds: Nach dem Dax kommt lange nichts

Indexfonds
Nach dem Dax kommt lange nichts

Dank eines explodierenden Angebots börsengehandelter Fonds können Anleger heute fast jede Anlagestrategie abbilden, indem sie in einen Index investieren. Jedoch fällt es schwer, im wachsenden Index-Markt die Übersicht zu behalten. Eine Handelsblatt.com-Einführung. Was Investoren beachten sollten.

Der Dax ist für deutsche Indizes das, was die Telekom-Aktie für deutsche Aktien ist: Das Synonym für eine ganze Gattung, zumindest aber der mit Abstand bekannteste Vertreter derselben. Jeden Abend können wir uns in den Nachrichten erklären lassen, was der Dax alles kann: dümpeln, anziehen, nachgeben - aber vor allem Indikator sein. Wie keinen anderen Index verbinden wir den Dax mit dem Zustand der deutschen Wirtschaft. Trotzdem wissen die wenigsten, wie er sich überhaupt zusammensetzt und wie diese Auswahl zustande kommt - und dass man ihn kaufen kann.

"Der Dax war von Anfang an als handelbarer Index gedacht", erklärt Hartmut Graf, Leiter der Indexabteilung der Deutschen Börse. Dort wird der bekannteste deutsche Index täglich zwischen 9 Uhr und 17.45 Uhr berechnet - sekundengenau. "Handelbar bedeutet nicht, dass der Index selbst gekauft werden kann, sondern dass er als Basiswert für Händler und für andere Finanzprodukte dient", so Graf.

Wie keine zweite Anlageklasse haben in den vergangenen Jahren börsengehandelte Fonds, auch bekannt als "Exchange Traded Funds" (ETFs), diese Nische besetzt: Obwohl als Fond konzipiert, verfügen sie über kein eigenes Management, sondern bilden einen Basiswert - also zum Beispiel auch den Dax - möglichst genau nach. Viele Finanzexperten sehen darin eine Menge Vorteile: Anleger sparen Gebühren, sind nicht von einem Fondsmanagement abhängig und können jederzeit die Regeln einsehen, nach denen ihr Fonds investiert. Die beiden ersten in Europa handelbaren Fonds dieser Art starteten am 11. April 2000 in Deutschland. Sie lauteten auf den damals boomenden "Neue Markt"-Index Nemax und - den Dax. Sie versprachen durch ihren regelbasierten Investmentansatz vor allem eines: vollständige Transparenz.

Doch häufig ist die Transparenz eher ein theoretischer Vorteil. Schon beim Aufbau der Standard-Indizes blicken viele Anleger nicht mehr durch, und die Zahl der Indizes wächst fast täglich. "Zurzeit sind Emittenten und Index-Anbieter auf der Suche nach Innovationen. Wer von beiden dabei die Impulse für wen gibt, lässt sich gar nicht immer genau sagen", fasst Graf die aktuelle Lage zusammen.

Doch auch ohne komplizierte Erklärungen zu Spezial-Indizes auf Futures, Fundamentalgewichtungs-Strategien oder Reinvestment-Methoden gibt es für Anleger viel zu beachten, wenn sie ein Produkt kaufen, das auf einen Index lautet. Bei Aktienindizes ist eine der wichtigsten Fragen, die der Anleger stellen sollte: Performance oder Preis? Die meisten weltweit existierenden Indizes sind so genannte Preis-Indizes. Schüttet eines der enthaltenen Unternehmen eine Dividende aus, wird sie nicht automatisch wieder reinvestiert. Von vielen Indizes wie zum Beispiel dem Europa-Index Euro Stoxx 50 gibt es deshalb zwei Ausgaben: Eine Preis- und eine Performance-Version. Nur bei der letzteren profitiert der Anleger auch in vollem Umfang von den Dividenden. Vom Dax gibt es ebenfalls zwei Versionen. Und anders als bei vielen Konkurrenzprodukten ist hier tatsächlich die Performance-Ausgabe die bekanntere.

Mindestens ebenso wichtig wie der Umgang mit Dividenden ist die Gewichtung der Einzeltitel. Fast alle bekannten Indizes treffen ihre Aktienauswahl zwar nach festgelegten Schwerpunkten wie Regionen, Ländern oder Branchen, gewichten aber die einzelnen Titel anschließend sehr unterschiedlich. Am gebräuchlichsten ist die Einteilung nach Marktkapitalisierung oder der Marktkapitalisierung der Aktien in Streubesitz, wie sie zum Beispiel die Deutsche Börse bei vielen ihrer Indizes nutzt. Das sorgt dafür, dass Titel mit steigenden Kursen höher, mit sinkenden Kursen niedriger bewertet werden.

Dass das nicht immer funktioniert, zeigt der Zusammenbruch des Neuen Markts. Während ihres Kurs-Höhenflugs in im Jahr 2000 hatte die Telekom-Aktie ihren Wert vervielfacht und es somit auch im Dax auf fast ein Fünftel Gewicht gebracht. Als der Wert des Papiers dann in den Keller schoss, rächte sich das prozyklische Investment und der Dax rauschte ebenfalls ins Minus. Gegenstrategien gibt es viele: Von den amerikanischen RAFI-Indizes, die Fundamentaldaten zur Gewichtung heranziehen über eine Index-Familie, die sich an der Portfoliotheorie des US-Ökonomen Harry Markowitz orientiert bis hin zur Strategie, Unternehmen mit hohen Dividendenzahlungen besonders hoch zu gewichten.

Da die meisten Indizes aber immer noch nach Marktkapitalisierung gewichten, sollten Anleger hier ein besonderes Augenmerk auf die Obergrenzen legen. Seit den schlechten Erfahrungen am Neuen Markt gilt für den Dax zum Beispiel, dass kein Einzelwert mehr als zehn Prozent des Index ausmachen darf. Andere Anbieter wie Stoxx deckeln ihre Indizes üblicherweise bei 20 Prozent, und Branchenindizes haben meist überhaupt keine Obergrenze. Die Folgen von weniger Deckelung sind einfach gesagt: Weniger Streuung, mehr Chancen bei steigenden Kursen, mehr Risiko bei fallenden.

Zusätzlich zu diesen Fragen sollte der Anleger darauf achten, dass er nur dann wirklich flexibel an der Börse handeln kann, wenn der Basis-Index liquide genug ist. "Heutzutage kann man so gut wie jede Anlageidee in einen Index gießen", meint Götz Kirchhoff, Vorstandssprecher beim ETF-Emittenten Barclays Global Investors. "Wenn Sie an die Wachstumsbranche Glücksspiel glauben, dann bildet der Index eben Casino-Beteiligungen ab." Allerdings gibt es bei der immer weiter gehenden Spezialisierung ein Problem: Oft gibt es nicht genug Aktien aus einem bestimmten Segment, um damit einen wirklich liquiden Börsenhandel zu betreiben. "Kurzfristig in einen illiquiden Markt zu investieren, kann problematisch werden, weil man mit seinen Transaktionen eventuell selbst die Kurse bewegt", erklärt Kirchhoff mögliche Fallstricke.

Die Entwicklung der Indizes wird weiter gehen. Inzwischen gibt es sie auf Rentenpapiere, viele extrem spezialisierte Aktienwerte und sogar auf Rohstoff-Futures. "Die Erfahrung zeigt jedoch, dass unsere Kunden sich stark auf Europa konzentrieren und den Schwerpunkt auf die großen Indizes legen", sagt Kirchhoff. Auch das zukünftige Wachstum der börsengehandelten Fonds wird sich also wahrscheinlich auf die bekannten Index-Produkte konzentrieren. Und wer zumindest die versteht, hat beim nächsten Investment vielleicht einen entscheidenden Vorteil.

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