Interview
„Deutschland muss vier Prozent Inflation zulassen“

Die Konjunktur vieler Euro-Länder schwächelt, während hierzulande die Wirtschaft boomt. Eine höhere Inflation in Deutschland würde helfen, die Peripherie zu beflügeln, sagt der Ökonom und Fondsmanager Gabriel Panzenböck.
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Gabriel Panzenböck steuert bei der österreichischen Raiffeisen Capital Management erfolgreich mehrere Anleihen-Fonds. Zudem beschäftigt er sich mit inflationsindexierten Papieren.

Handelsblatt: Herr Panzenböck, Sie fordern eine höhere Inflation in Deutschland. Das soll der darbenden Wirtschaft in den Krisenländern wie Italien, Spanien oder Griechenland auf die Sprünge helfen. Soll Deutschland zur Rettung der Peripherie in den Abgrund springen?

Gabriel Panzenböck: Ganz und gar nicht. So wie wir in der Euro-Zone unsere Probleme angehen, schießen wir uns selbst ins Knie. Das ist einfach schade.

Wieso? Weil Krisenstaaten wie Italien, Spanien oder Portugal die ausufernden Staatsausgaben zusammenstreichen müssen?

Derzeit versuchen wir eine Lösung ausschließlich über den Weg einer deflationären Anpassung. Die Peripheriestaaten kürzen die Ausgaben, um die Haushaltsdefizite zurückzufahren. Zugleich schrumpft aber die Wirtschaftsleistung, Arbeitslosigkeit und Armut nehmen derzeit zu. Das heißt nicht, dass der Weg zum Scheitern verurteilt ist. Ihre fiskalischen Probleme müssen die Krisenländer natürlich unbedingt anpacken. Aber der jetzt eingeschlagene Pfad ist langwierig und schmerzhaft.

Wie könnte sich die Euro-Zone besser aus der Misere retten?

In einer Währungsunion muss man Ausgleichsbewegungen zulassen. Früher konnten Volkswirtschaften Ungleichgewichte über den Devisenkurs relativ einfach anpassen. Innerhalb einer Währungsunion geht das aber nicht mehr. Also kann eine Anpassung nur über relative Preisveränderungen stattfinden. Dafür muss Deutschland eine Inflationsrate von rund vier Prozent im Jahr zulassen.

Erklären Sie das bitte.

In den Krisenländern wie Italien sind die Löhne zu hoch. Die dortige Wirtschaft ist im Vergleich zur deutschen nicht wettbewerbsfähig. Demzufolge brauchen wir eine Ausgleichsbewegung zwischen Deutschland und der Peripherie.

Wie lange müssten in Deutschland die Preise stärker steigen?

Im Grunde ist es eine einfache Milchmädchenrechnung: Vier Prozent Inflation in Deutschland, null Prozent in Italien – das Ganze machen wir drei Jahre lang; dann haben wir eine Teuerung von 12 Prozent erreicht, noch ohne Zinseszins gerechnet. Damit ist die Anpassung schon erfolgt und die Zentralbank kann die Teuerung wieder einfangen. Am Ende kommt eine Durchschnittsinflation für die gesamte Euro-Zone von zwei Prozent pro Jahr heraus. 

Das muss wirklich sein?

Ja. Die zwei Prozent im Durchschnitt entsprächen überhaupt erst dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank für den gemeinsamen Währungsraum. Wenn wir überhaupt einmal das Teuerungsziel der Euro-Verträge auch ernst nehmen würden, wäre ich schon glücklich. Das wäre auch für Deutschland gut. Ihr Land hat ein Interesse an einer starken Eurozone. Aber wenn man keine Währungsunion will, muss man diese ganze Diskussion natürlich nicht führen. Dann wird die Euro-Zone schon von selbst zerbrechen.

Kommentare zu " Interview: „Deutschland muss vier Prozent Inflation zulassen“"

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  • und was ist mit den kleine leuten hier ??ß sollen die nach dem herren denn noch enger dir gürtel schnallen ??? das machen die zwar schon 13 jahre aber ist ja egal...^^ Herr lass Hirn regnen.... desweitern habn wir bei lebensmittel schon 5 % und mehr je nach produkt

  • Habe mir die Diskussion mal durchgelesen. Wenn man sich mit dem Thema Inflation beschäftigt, so haben wir seit der Einführung des Euro mind. 73 % Inflation. In dieser Zeit sind die Reallöhne um 18 % gestiegen. Hartz4 hat dafür gesorgt, das der Arbeitsmarkt unter druck steht und schlechte Arbeitsverhältnisse mit wenig Lohn und maximaler Flexibilität etabliert wurden. Wo aber keine Sicherheit in der Beschäftigung, da gibt es auch keine Familienplanung, Schaffung von Eigentum etc. Es ist eine gigantische Umverteilung von fleißig auf reich!

    Es gibt keine makroökonomische Lösung. Die Lösung kann nur eine politische sein. Ohne Glass Steagall (Trennbankensystem) ist eine vernünftige Geldpolitik nicht möglich. Aber auch der Euro ist zum Scheitern verurteilt. Die Nationen haben unterschiedliche Interessen und Lebensweisen, die Vielfalt bedeuten. Dementsprechend haben sie auch unterschiedliche wirtschaftliche Interessen und Grundlagen. Das gilt es zu akzeptieren. Und genau deswegen kann es keine einheitliche Währung geben.

    Politisch wird momentan versucht, die einzelnen Nationen unter eine Zwangsvereinigung zu bringen, welche knallharten wirtschaftlichen Interessen unterliegt. Es ist eine Spekulation auf niedrige Löhne, minimalste Sozialleistungen, Enteignung der Sparer und Immobilienbesitzer. Alles zum Wohle der Konzerne und ihrer Eigner, den wenigen Familien, die ihre Macht zu nutzen wissen.

    Ursache ist die Globalisierung. Solange es Konzernen möglich ist, einfach abzuwandern und ihre Gewinne nicht zu versteuern, solange haben einzelne Länder nur geringe Möglichkeiten sich zu schützen.

    Wenn man sich nun aber die Welt anschaut, so sieht man, das die Armut weltweit voranschreitet. Wer nichts hat kann nichts kaufen. Also ist das System endlich. Und genau hier setzt überall in der Bevölkerung ein Umdenken ein, nur die Herrschenden zögern den finalen Knall noch hinaus.

    Aber dieser wird kommen, man muss nur mal nach Italien schauen. Hoffen wir, es zu überleben!

  • ...oder wie Familienplanung

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