Interview mit Finanzwissenschaftler Prof. Martin Weber
„Die Schornsteine der Welt zählen“

Professor Martin Weber ist Finanzwissenschaftler an der Universität Mannheim und beschäftigt sich beruflich mit Anlegern und deren Verhaltensweisen. Im Interview äußert sich der Forscher über klassische Fehler, hilfreiche Tipps und erläutert seine Idee vom idealen "Weltportfolio".

Herr Weber, sie gelten als Erforscher des Anlegerverhaltens. Was sind denn deren größte Fehler?

Da gibt es eine ganz Reihe von Fehlern. Anleger kaufen und verkaufen beispielsweise immer noch zuviel. Der alte Spruch "Hin und Her macht Taschen leer" hat immer noch seine Gültigkeit.

Aber Anleger wollen dadurch eine höhere Rendite erzielen. Schaffen sie es denn nicht, den Markt zu schlagen?

Nein. Ihre Depots sind vielfach nicht ausreichend diversifiziert. Man muss sich nur die aktuellen Meldungen anschauen: Großbanken stellen derzeit den Eigenhandel ein, weil sie zu hohe Verluste erzielt haben. Und das soll ein Privatanleger besser machen?

Was sollen Ihrer Meinung nach Anleger tun?

Passiv anlegen und dabei mit Indexfonds kostengünstig auf große Indizes weltweit setzen mit einem entsprechenden Mix der Anlageklassen Aktien, Renten und Rohstoffe. Wir haben mittels einer empirischen Studie die Diversifikationschancen für Anleger der vergangenen 35 Jahre untersucht. Fazit: Das Rendite-Risiko-Verhältnis kann mit attraktiven Anlagewerten mit möglichst unabhängiger Wertentwicklung optimiert werden. Diese müssen möglichst geschickt zu einem Portfolio zusammengesetzt werden. Nach unseren Berechnungen sollte solch ein Depot aus 60 Prozent Aktien, 25 Prozent Renten und 15 Prozent Rohstoffe bestehen.

Wie oft sollte man ein derartiges Depot "nachjustieren"?

Einmal im Jahr reicht. Wir justieren unser "Weltportfolio" immer dann, wenn die Schätzungen für die jeweiligen Bruttoinlandsprodukte (BIP) eintreffen. Die Gewichtung des Portfolios nach der Höhe des jeweiligen Bruttoinlandsproduktes, also eine realwirtschaftliche Gewichtung, bringt Anlegern eine höhere Rendite als der traditionelle Ansatz nach Marktkapitalisierung. Das hat unsere Studie ergeben. Plastisch formuliert: Man muss in die Schornsteine der Welt investieren. Und dabei ist es völlig unerheblich, ob Anleger in einen Bayer - oder BASF-Schornstein investieren.

Soll man denn Verluste nicht von vornherein begrenzen?

Anleger sollten vorher festlegen, wie hoch ihr Anteil risikoloser Zins wie Staatsanleihen oder Festgeld im Verhältnis zu risikoreichen Anlage in Aktien, Renten und Rohstoffe ist. Das ist besser als ständiges Kaufen und Verkaufen.

Brauchen Anleger dann eigentlich noch einen Berater?

Ja, aber nicht für die Auswahl, ob ich - um beim Beispiel zu bleiben - die BASF - oder Bayer-Aktie kaufen soll. Genauso unerheblich ist die Frage, ob Anleger beispielsweise in deutsche oder in französische Aktien investieren sollen. Die entwickeln sich doch fast parallel. Der Berater soll dem Anleger Produkte erläutern oder mit ihm gemeinsam klären, wie viel Geld er in eine Anlage mit einem risikolosem Zins und wieviel er beispielsweise in ETFs investieren soll. Oder um ihm den Unterschied zu berechnen, was zwei Prozent Inflation für die nächsten 40 Jahre oder drei Prozent Preissteigerungen für die kommenden 30 Jahre bedeutet. In solchen Fällen benötigen Anleger Hilfe.

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Jürgen Röder
Jürgen Röder
Handelsblatt / Redakteur Finanzzeitung
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