Interview Reinhold Hafner: „Nach der Krise ist vor der Krise“

Interview Reinhold Hafner
„Nach der Krise ist vor der Krise“

Risikomanager gehen auf die Jagd nach dem schwarzen Schwan. Darunter verstehen Experten extreme Ereignisse an dem Märkten, wie etwa die Finanzkrise. Wie Anleger ihr Vermögen vor neuen Crashs schützen können.
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Herr Hafner, als Leiter der Allianz Global Investors-Tochter Risklab analysieren sie Risiken auf den Finanzmärkten. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es in den nächsten Jahren eine zweite Finanzkrise gibt? 

Das besondere an Finanzkrisen ist ja gerade dass sie sehr schwer zu prognostizieren sind.  Insofern ist eine Wahrscheinlichkeitsaussage schwierig. Wenn man die Gaußsche Normalverteilung als einfaches Modell zu Grunde legt, dürfte ein Einbruch amerikanischer Aktien wie im Herbst 2008 nur alle 598.000 Jahre vorkommen. Bei Bonds und Rohstoffen sind die Werte noch extremer. 

In der Realität kommen solche Crashs aber häufiger vor, man denke nur an die New-Economy-Blase oder den schwarzen Freitag 1929. 

Stimmt. Der Dow Jones verlor beispielsweise zwischen den Jahren 1916 und 2009 an 53 von 23.451 Handelstagen mehr als sieben Prozent an einem Tag. Das Problem vieler Rechensysteme ist, dass sie extreme Risiken einfach ausblenden. 

Viele Finanzmanager arbeiten trotzdem auf Basis dieser Annahmen. 

Das Gaußsche Modell wird immer noch genutzt. Es hat den Vorteil, dass es mathematisch einfach ist und wenig Rechnerkapazität benötigt. Dafür reicht der heimische PC. Es sorgt aber auch dafür, dass die Anleger während einer extremen Krise mehr verlieren als durch das Modell erwartet. Die realistische Abschätzung von Verlustrisiken in der Gegenwart  „schwarzer Schwäne“ ist daher wichtig. 

Welche Produkte sind von der mangelhaften Risikokalkulation besonders betroffen? 

Grundsätzlich profitieren alle Produkte von einer besseren Risikokalkulation. Denn je besser man Risiken einschätzen kann, desto besser kann man sie auch steuern Dies gilt natürlich besonders für risikogesteuerte Fonds wie zum Beispiel Garantiefonds. Aber natürlich profitiert vor allem auch der Anleger durch eine verbesserte Risikotransparenz und -Allokation

 Kennen viele Anleger ihre Risiken bisher nicht?

Kaum ein Privatanleger kann einschätzen, wie hoch das Verlustrisiko für sein Portfolio ist. Es wäre ein großer Fortschritt, wenn ein Kunde auf Basis seriöser Risikobewertungen einschätzen könnte, wie hoch das Verlustrisiko seines Portfolios auf einen bestimmten Zeithorizont ist

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  • Schade, dass der Artikel nicht ausführlicher ist und, dass man sich nicht traut die aktuelle Risikomodelle genauer unter die Lupe zu nehmen. Meines Erachtens ist nicht nur die Annahme einer Gaußschen Normalverteilung (umgangssprachlich Glockenkurve) und die Verwendung der Standardabweichung ziemlich großer Unsinn in Bezug auf zukünftige Risiken bei Geldanlagen, sondern auch die Berechnung der Volatilität, die meistens auch nur im Bereich bis 3 Sigma (Genauigkeit=99%) durchgeführt wird. Auch werden meistens die positiven Abweichungen vom Mittelwert den negativen gleichgesetzt. Zum Schluss werden auch noch historische Korrelationen bei der Risikobewertung verwendet. Insgesamt kann ich nur jedem Raten von sog. Depotoptimierungsprogrammen und Banken oder Beratern Abstand zu nehmen, die Volatilität mit Risiko gleich setzen. In wie weit man ein Programm hilft, das sog. schwarze Schwäne (woher kommt eigentlich dieser Ausdruck?) berechnet, ist mir nicht ganz klar. Denn wann diese eintreten und in welcher Form, kann das Programm nicht vorhersagen, soweit ich das verstanden habe.
    Ich selbst male mir schon immer einige „verrückte“ negative Szenarien aus und überlege mir wie sich diese auf mein Vermögen bzw. Einzelanlagen auswirken könnten. Entsprechend den möglichen Ergebnissen nehme ich eine Verteilung vor.

  • Sie können sich noch so abmühen, noch so viel profunde Kenntnis vorbringen, es wird ihnen nichts nützen. Auch die Chaostheorie lehrt uns, dass wir viel zu wenig wissen, um die Situation in seiner Komplexität erfassen zu können. Eine einfache Rechnung zeigt, dass wir gerade mal 1% Wissen haben, über das, was wir hier beurteilen wollen, nämlich den Finanzmarkt. So gesehen, ist alles, was wir hier vorbringen, eine Meinung, Information unter vielen. Welche sich am Ende durchsetzt, werden wir sehen, wenn es soweit ist. Es gilt, am Ende des Tages überlebt zu haben.

  • Was in Talebs sonst hervorragendem Buch, „Der schwarze Schwan“, anscheinend fehlt (ich habe es noch nicht ganz zu Ende gelesen), ist die Behandlung der in diesem Zusammenhang sehr wichtigen „Theorie komplexer Systeme“, bekannt als „Chaostheorie“.
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    Zudem, diese Finanzkrise ist eigentlich kein Schwarzer Schwan. Amerikas atemberaubend schnell anschwellendes Triple Deficite war allgemein bekannt. Bei der Nachricht, dass 40% der Gewinne der US-Wirtschaft, der immerhin größten Volkswirtschaft der Welt, in der Finanzwirtschaft entstanden, hätten bei jedem seriösen Wirtschaftswissenschaftlicher die Alarmglocken aufschrillen müssen. Diese 40% habe ich nicht als realen Gewinn angesehen, sondern als Kosten identifiziert, die früher oder später, auf der amerikanischen, teilweise auch auf den europäischen, Realwirtschaft lasten würden. Denn mit Geld alleine lässt sich eine Wertschöpfung in diesem Umfang niemals generieren. Mir jedenfalls war klar, dass drüben eine höchst gefährliche Blase entstand. Dabei bin ich kein Akademiker und nicht einmal in Finanzbereich tätig. Ich hatte damals weder vom Subprime Sektor gehört noch kannte ich die monströsen Verflechtungen innerhalb des Bankensektors oder ihr, das Risiko potenzierende, „Geheimnis der Geldschöpfung“. Nur die sogenannten „Fachleute“, mit ihren ideologischen Scheuklappen, waren - trotz ihres Wissensvorsprungs - ahnungslos.
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    Anders als hier bagatellisiert, war diese Finanzkrise das Produkt klar erkennbarer Fehlentwicklungen. Nicht ohne profunde Kenntnis vorhersehbar war lediglich, ob die Krise schon 2007 oder vielleicht erst 2012 einsetzen würde.

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