Nachgerechnet
Gehebelt wurde nur die Berater-Provision

Eine Rentnerin kaufte einen geschlossenen Fonds nach dem anderen. Nun steckt ihre Altersvorsorge in Schiffen und Hochhäusern fest. Das angeblich Beste am Markt war am Ende nur für den Finanzberater ein tolles Geschäft.
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DüsseldorfAuf Glatteis fühlte sich Mary Bauer (Name geändert) viele Jahre lang zu Hause. Sie drehte als Eiskunstläuferin Pirouetten bei Holiday on Ice. So richtig auf die Nase fiel die heute 67-jährige Rentnerin aber erst, als ein freier Finanzberater ins Haus kam, empfohlen von ihrem damaligen Chef.

Mary Bauer und ihr Mann haben zusammen eine kleine Rente von 1300 Euro. Doch Bauer hatte fleißig gespart. Als im Jahre 2006 noch das Erbe von der Mutter dazukam, legte der Finanzberater los.

Er empfahl ihr einen geschlossenen Fonds nach dem anderen. Um ihren Lebensstandard zu halten – die Bauers wohnen in einer 80-Quadratmeter-Wohnung zur Miete –, sollte sie nach höheren Renditen schauen. Nun besitzt sie Anteile mehrerer Schiffe, etwa des Tankers „Hellespont Progress“ oder der „Ile de Ischia“.

Sie hat über den „Tomorrow TIP 8“ 50 000 Dollar in Bürogebäude in Texas und New Mexico gesteckt, über den „Life Trust 6“ ist sie an einem Portfolio amerikanischer Lebensversicherungen beteiligt und so fort. Weil am Anfang noch ein paar Ausschüttungen flossen, fühlte sie sich sicher.

Doch im Lauf der Finanzkrise blieben die Zahlungen rasch aus. Beim „HCI Hellespont Progress“ , musste sie sogar noch Geld nachschießen. An ihr Geld kommt Bauer nicht mehr heran. Die meisten Fonds, werden auf dem Zweitmarkt gar nicht erst feilgeboten.

Nur der „Hellespont Progress“ hat 2012 noch einmal den Besitzer gewechselt: zu zehn Prozent des ursprünglichen Nennwerts. Wenn sie die Fonds-Namen im Internet sucht, tauchen rasch die Webseiten von Anlegeranwälten auf, die Hilfe versprechen.

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  • Auf den ersten Blick erkennt man eine breite Streuung von verschiedenen Vermögenswerten: Schiffe, europäische und us-amerikanische Immobilien, US-Versicherungspolicen.Schaut man genauer hin, fällt auf, dass es sich auschließlich um Beteiligungen an geschlossenen Fonds handelt. Eine einseitige Auswahl, bedenkt man, dass man sich an europäischen Immobilien auch über einen offenen Fonds beteiligen kann (z. B. Hausinvest). Ausschüttungen in US Dollar können zur Streuung des Risikos dienen, aber es war dann noch nötig in us-amerikanische Lebensversicherungspolicen zu investieren ? Das Bemühen einen ausgewogenen Kommentar zu schreiben, endet abrupt mit dem Hinweis, dass ein Schweizer-Franken-Kredit aufgenommen wurde. Damit entlarvt sich der Vermittler als jemand, dem es nur auf die Provision ankommt. Ihr Titel trifft den Nagel auf den Kopf, sehr geehrte Frau Hussla. Einen Finanzplan zu schreiben und damit sich selbst als Finanzberater und dem Anleger die IST-Situation zu vergegenwärtigen, war wohl zu anstrengend. Aus solchem Plan ist für beide Seiten sehr deutlich zu sehen, wo Lücken sind, was zu tun ist. Dafür braucht es dann Lösungen, die nicht nur in Form von Beteiligungen an geschlossenen Fonds bestehen können. Dafür gibt es z. B. das große Füllhorn der Investmentfonds, Container, Solarfonds, Pflegefonds, Immobilien, Rentenversicherungen. Die jeweilige Risiken und Chancen werden in gemeinsamer Zusammenarbeit mit dem Anleger untersucht und bestimmen die richtige Lösung.
    Ob der Hinweis auf die Lehman-Pleite eine pauschale Rechtfertigung für ausbleibende Ausschüttungen von "guten" Beteiligungen sein kann, sei angezweifelt. Und ob Gier und Lebensalter einer Anlegerin eine derartige Sammlung von Vermögenswerten hinreichend erklärt, soll nicht weiter kommentiert werden.
    Eine juristische Würdigung obliegt allein dem beauftragten Rechtsanwalt; es verwundert, dass nur nach einem Prospektfehler gesucht wird.
    Michael Flohr
    Selbständiger Anlagebrate

  • Wenn der am Schluß genannte Honorarberater die gleichen Anlagen empfohlen hätte, wäre zwar keine Provision geflossen, die Anlage insgesamt wäre auch nicht besser gewesen. Ob nun Honorar oder Provision, letztlich geht es um die Qualität der Empfehlung.

  • Die Kritik an der Beratung ist etwas zu pauschal.

    Der Hinweis bezüglich der verdienten Provision ist schlicht unseriös, weil möglicherweise völlig irrelevant.
    Denn ob die Provisionen eine Rolle spielen hängt von der Qualität der Produkte ab und davon wie hoch der Anteil der geschlossenen Beteiligungen am Gesamtportfolio ist.

    Zu dem galten gute Beteiligungen in der Tat als relativ risikolose Anlageformen, weil eben niemand mit einem Zusammenbruch eines Hypothekenmarktes in den USA und einer Finanzkrise gerechnet hat, die die entsprechenden Produkte quasi über Nacht in Schwierigkeiten brachten.
    es gab Berater, die auf dieses "unwahrscheinliche" Risiko hinwiesen, andere haben dies fehlerhafter Weise unterlassen. Einen Unterschied hat das bei den Kunden so gut wie nie ausgemacht. Auch das war Realität.
    Es kommt also darauf an, wie gut waren die Produkte unter damaligen Bedingungen und wie stark hat sich die Anlegerin engagiert. Ob sie damals informiert wurde oder nicht, dass lässt sich im Nachhinein wahrscheinlich nicht mehr feststellen, viele Kunden haben das mangels Bedeutung schlicht vergessen, aber auch manche Berater wirklich unterlassen.
    Die Häufigkeit der Zeichnung ist grundsätzlich ebenfalls kein prinzipieller Hinweis für mangelnde Seriösität, denn eine Anlagestrategie basierte Liquidität aus Wertpapierdepots zur Zeichnung von Beteiligungen zu verwenden, die steuerfreien Ausschüttungen wieder zu reinvestieren. Das verhinderte ein Abschmelzen des Depots und erhöhte über die steuerlichen Vorteile deutlich die Rendite der Depots. Allerdings sollte der anteil der Beteiligungen gegenüber dem Gesamtdepot nicht zu hoch ausfallen. Nur dann hätte der Berater über die menge der Beteiligungen einen Fehler gemacht.
    Für den Zusammenbruch der Finanzmärkte kann der Berater ebenso wenig wie bei einem Aktiencrash.

    Die Schilderung bietet also Indizien für eine Fehlberatung, der Autor ist aber zu ahnungslos, um die richtigen Fragen zu stellen für eine solche Aussage.

    H.

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