Neue Anlageprodukte
Schiffsanleger entdecken Zertifikate

Der Boom am deutschen Zertifikatemarkt zieht immer neue Anbieter an. Inzwischen bringen gut drei Dutzend Banken eigene Produkte auf den Markt und auch die Publikumsfondsgesellschaften werden zunehmend aktiv. Nun versuchen die Anbieter geschlossener Fonds, in dem boomenden Markt Fuß zu fassen.

FRANKFURT. Bereits seit Mitte vergangenen Jahres ist der Marktführer MPC über seine Banktochter Assentus in diesem Bereich tätig. Jetzt bieten auch die Konkurrenten Atlantic sowie die HCI-Tochter HSC Produkte mit Derivate-Bezug zur Zeichnung an. Weitere Emittenten stehen nach Handelsblatt-Informationen in den Startlöchern.

Angelockt werden die Fonds-Initiatoren von hohen Wachstumsraten im Zertifikategeschäft. Allein im vergangenen Jahr wuchs das Marktvolumen um rund ein Drittel auf rund 120 Mrd. Euro; in diesem Jahr wird das Volumen nach Schätzungen des Branchenverbandes Derivate Forum erneut um 20 bis 30 Prozent zunehmen. Daneben zwingt die Stagnation der eigenen Branche die Unternehmen zu Veränderungen. "Durch den Wegfall der Steuervorteile von geschlossenen Fonds und die stark gestiegenen Immobilienpreise stehen die Fonds-Initiatoren unter Druck, neue Wege zu finden, um attraktive Renditen zu erzielen", sagt Beatrix Boutonnet vom Branchendienst Fondstelegramm.

Besonders energisch drängt der Hamburger Finanzdienstleister MPC Capital in das neue Segment. Über die im Vorjahr gegründete Assentus Bank hat die Gesellschaft inzwischen 19 strukturierte Anlageprodukte auf Hedge-Fonds, Rohstoffe, Aktienkörbe oder Immobilienindizes mit einem Volumen von insgesamt knapp 120 Mill. Euro platziert. "Das Derivategeschäft ist ein klarer Wachstumsmarkt für uns", sagt Boris Boldyreff, Vorstand von MPC Capital. "Anders als bei geschlossenen Fonds, wo wir uns mit neuen Produkten eng an der Marktentwicklung orientieren müssen, können wir strukturierte Produkte in jeder Marktlage auflegen", hebt er hervor. Schon in drei bis fünf Jahren soll die Assentus Bank auf Augenhöhe mit den klassischen Produktlinien Schiffsbeteiligungen, Immobilien- und Lebensversicherungsfonds liegen. Im vergangenen Jahr hatte MPC hier ein Volumen von rund 800 Mill. Euro platziert.

Noch in den Anfängen befindet sich das Zertifikatgeschäft der HCI-Tochter HSC. Die Hanseaten bieten gerade ihr Premieren-Papier zur Zeichnung an. Das HSC Optivita Europe LV Index-Zertifikat investiert in gebrauchte Lebensversicherungspolicen aus Deutschland und Großbritannien. "Auf dem umkämpften Zertifikatemarkt haben wir nur eine Chance, wenn wir mit etwas Neues anbieten, für das man uns Expertise zuspricht", begründet HSC-Geschäftsführer Oliver Moosmayer die Wahl des exotischen Basiswertes.

Aber nicht nur die Anlageklasse Zweitmarkt-Policen ist für Zertifikate-Investoren ungewohnt. Auch weicht die Ausgestaltung des HSC-Papiers deutlich von gängigen Produkten ab. Das gilt für die lange Zeichnungsphase bis Jahresende ebenso wie für die Mindestzeichnungssumme von 10 000 Euro und den Ausgabeaufschlag von fünf Prozent. Zudem wird das Zertifikat nicht an der Börse gehandelt; eine Anteilsrückgabe ist nur alle drei Monate möglich. "Im Vergleich zu Aktien oder Rohstoffen ist der Markt für Versicherungspolicen weniger liquide", sagt Moosmayer. Das Produkt ziele auch nicht auf schnelle Wertsteigerungen, sondern richte sich an langfristige Anleger. Das zeigt auch die überdurchschnittlich lange Laufzeit bis 2017.

Sogar bis 2019 ist der Erstling des Emissionshauses Atlantic angelegt. Die Gesellschaft, die sich bisher auf geschlossene Schiffs- und Immobilienfonds konzentriert hat, plant gemeinsam mit der Citibank ein Zertifikat, das in Future-Kontrakte auf den S&P 500, den Euro-Stoxx 50 und den japanischen Nikkei-Index investiert. Anders als die Konkurrenz von MPC und HSC bleibt die Gesellschaft ihrem Fonds-Ansatz dabei treu: Statt direkt ein Zertifikat auf den Markt zu bringen, bedient sich Atlantic wie bei geschlossenen Fonds der Konstruktion einer Kommanditgesellschaft. Deren Geschäftszweck wiederum ist es, das von der Citibank eigens aufgelegte Zertifikat zu erwerben. Allerdings können Anleger auch hier erst ab 10 000 Euro Anteile zeichnen. Zudem sind die Ausstiegsmöglichkeiten begrenzt.

Die Derivate-Branche sieht die neue Konkurrenz bisher gelassen. Für attraktive neue Produkte sei auf dem Zertifikatemarkt immer Platz, sagt Dieter Lendle, Geschäftsführer des Deutschen Derivate-Instituts. Allerdings sei es entscheidend, dass die Papiere nicht zu komplex würden. "Nur dann können sie für Anleger einen Mehrwert bieten."

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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