Pimco-Chef El-Erian
„Die Kapitalflucht in Griechenland kann sehr schnell eskalieren“

Mohamed El-Erian, Chef des weltgrößten Anleihehändlers Pimco, rechnet mit einer baldigen Umschuldung Griechenlands. Welche Folgen das für Europa haben kann, verrät er im Interview mit dem Handelsblatt.
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Handelsblatt: Wird Griechenland pleitegehen?

Mohamed El-Erian: Eine Restrukturierung ist sehr wahrscheinlich. Die Kernfrage ist, wann und ob dies in einer geordneten oder ungeordneten Art und Weise geschieht. Nach gegenwärtigem Stand hat das Land zu viele Verbindlichkeiten – und es fehlt die Wachstumsperspektive. Sparen alleine löst das Problem nicht.

Was ist falsch gelaufen?

Trotz großer Rettungspakete von EU, IWF, EZB und großer Opfer der Griechen steht das Land schlechter da als vor einem Jahr. Alle Konjunktur- und Finanzindikatoren haben sich gegenüber dem Vorjahr verschlechtert und liegen unter den ursprünglich getroffenen Annahmen. Weil die Rettungspakete die Wurzeln der griechischen Probleme nicht adäquat angingen. Bisher gab es zwar Finanzhilfen, aber keine unterstützenden Maßnahmen für das Wachstum und zur Lösung des Solvenzproblems.

Welche Probleme gibt es sonst noch?

Im Lauf des letzten Jahres wurde die Bilanz der EZB mit toxischen Anleihen belastet; es wurden Verbindlichkeiten vom privaten in den öffentlichen Sektor transferiert. Es gibt also weniger Spielraum für Lastenteilung, denn die privaten Kreditgeber haben sich weitgehend verabschiedet.

Wann kommt die Umschuldung Griechenlands?

Wahrscheinlich in den nächsten sechs Monaten – und hoffentlich in geordneter Form, ähnlich wie früher im Falle Pakistans oder Uruguays. Das würde einen Haircut bedeuten, den die Märkte bei Griechenland derzeit mit einem Schuldenabschlag von 50 bis 60 Prozent einpreisen.

Was ist mit den anderen Krisenländern, mit Portugal oder Irland?

Bei jedem Land mit hoher Verschuldung ist die entscheidende Frage: Wie stark wächst die Wirtschaft, und wie sind die Chancen zur Rückzahlung der Verbindlichkeiten? Griechenland steht in Bezug auf die Schuldentragfähigkeit am schlechtesten da, hinter Portugal und Irland. Mit zum Glück großem Abstand kommen dann Spanien, Italien und Belgien. Deutschland belegt in dieser Rangliste den besten Platz. Es fährt die Früchte seiner langjährigen Reformen und seines guten Umgangs mit dem Haushaltsdefizit ein.

Werden Portugal und Irland Griechenland auf seinem Weg folgen müssen?

Portugal und Irland sehen sich zwar einem Umschuldungsrisiko gegenüber, eine Umstrukturierung ist hier aber vermeidbar. Spanien ist relativ stark, aber ähnlich wie Italien anfällig bei einer psychologischen Eskalation der Lage in der EU.

Italien ist ein gutes Stichwort ...

Das Übergreifen der Marktverwerfungen auf Italien ist sehr beunruhigend. Italien ist eine deutlich größere Volkswirtschaft als Griechenland mit höherer ausstehender Verschuldung, und es spielt eine bedeutendere Rolle in der Euro-Zone. Glücklicherweise ist die Schuldendynamik weniger nachteilig als in Griechenland, die inländische Investorenbasis ist breiter und stabiler, die Wirtschaft flexibler.

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Wie man das italienische Risiko eingrenzen kann

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Welches Risiko das gefährlichste ist

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  • Die Griechen sollen erstmal ihre auf Faulheit und Korruptheit ungehobenen Schätze im eigenen Land heben,
    bevor noch weitere Gelder aus anderen EU Staaten oder der EZB in dieses Fass ohne Boden geworfen werden.

    Griechenland hat
    - über 35 Mrd Euro ausstehende Steuerschulden bei Reichen, die seit Jahren nicht eingetrieben werden
    - Immer noch für jeden Beamten und Rentner 13, für sehr viele
    sogar 14 Monatsgeälter (bei unter 3000 Euro Einkommen im Monat!)
    - Steuerprivilegien und Freibeträge von denen wir hierzulande nur träumen können. Azubis und Rentner ü 65
    haben einen Steuerfreibetrag von 12000 Euro pro Jahr.
    -Staatsnetriebe die von Gewerkschaften regiert werden und jede Menge Effizienzsteigerungspotential haben.
    Die Parlamentarier müssen auch eindlich mal entsprechende Gesetze verabschieden, die diesen Besitzstandswahrern
    das Handwerk legt.


    Erst wenn diese und weitere Quellen ausgeschöpft sind, kann man über neue Transferzahlungen nachdenken - am besten aber direkt an die Bevölkerung als Direkthilfe und nicht an die Regierung , bei der die Gelder nur wieder an "friends and family " im weiteren Sinne versickern.

  • Wäre die Mauer nicht gefallen, hätten wir diese Probleme nicht. Der Fall der Mauer wird zur Auflösung der Eurozone und wahrscheinlich auch der EU führen. Am Ende stehen wieder die USA als Sieger da und wir Europäer als die Verlierer.

  • Und wie hoch sollte der Schuldenschnitt sein damit Griechenland aus der Misere kommt?
    Ich schätze realistisch wäre ein Schuldenschnitt von 80% bis 90% würde Sinn machen, darunter wäre das Problem nur verschoben und nicht gelöst

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