Rechtsanwalt Julius Reiter
„Vielen Anlegern fehlt das Urteilsvermögen“

Nach wie vor ruinieren sich viele Menschen finanziell mit Finanzprodukten vom grauen Kapitalmarkt. Im Interview mit dem Handelsblatt erklärt der Anlegeranwalt Julius Reiter, warum das so ist.

Handelsblatt: Erleben Sie häufig, dass riskante Graumarktprodukte als Altersvorsorgeprodukte verkauft werden?

Julius Reiter: Das Argument "Altersvorsorge" taucht beim Vertrieb von geschlossenen Fonds immer noch regelmäßig auf. Mit einem Anlagehorizont von 20 bis 30 Jahren werden Anleger etwa in kreditfinanzierte Immobilienkäufe gelockt. Nach Ablauf dieser Zeit sollen die Anleger dann einen entsprechenden Wertzuwachs oder weiterlaufende Ausschüttungen und Mieteinnahmen erhalten und damit privat ihre Altersversorgung ergänzen. Diese Rechnung geht oft nicht auf.

Welche Beispiele erleben Sie in Ihrer Kanzlei?

Wir haben besonders viele Schrottimmobilienfälle. Das sind Denkmalschutz- oder sonstige überteuerte Immobilien. Oder Immobilienfonds wie etwa Berlin-Fonds, WGS- und Deutschlandfonds. Sogar Schiffsfonds und Riesenradfonds wurden an Kleinsparer verkauft.

Warum fallen Anleger immer wieder auf unseriöse Angebote herein?

Finanzgeschäfte sind Vertrauensgeschäfte, bei denen der Kunde ungeübt ist und deshalb seinem Berater oder seiner Bank vertraut. Ihm fehlt das Urteilsvermögen. Hinzu kommt, dass der Anleger wegen der langen Laufzeit zunächst nicht argwöhnisch wird. Er merkt oft erst nach Jahren, dass die Kapitalanlage nicht werthaltig ist. Wenn Anleger das Rentenalter erreichen, ist es oft zu spät, um sich von der Kapitalanlage zu trennen.

Wie sind Sie mit den neuen Gesetzen zufrieden, die Verbraucher ja besser schützen sollen?

Der entscheidende Durchbruch fehlt immer noch. Wir brauchen einen Kulturwandel in der Finanzberatung, die das Kundeninteresse in den Vordergrund stellt. Nur durch eine Änderung der Beweislast vor Gericht würde eine echte Haftungsgrundlage geschaffen, die Falschberatung für Berater und Vermittler teuer machen würde. Im Übrigen soll der Bereich der Investitionen in Immobilien als Kapitalanlage auch nach dem aktuellen Gesetzentwurf ungeregelt bleiben, unterliegt also nicht der staatlichen Aufsicht. Berater benötigen hier - anders als etwa Verkäufer von Finanzprodukten - weder Berufsausbildung noch Haftpflichtversicherung.

Wann lohnt sich der Gang zum Anwalt und wann eher nicht?

Sobald der Anleger merkt, dass mit der Anlage etwas nicht stimmt, sollte er sich kompetent beraten lassen - schon, um die Verjährung seiner Ansprüche zu verhindern. Bei Anwälten, die unaufgefordert Anleger anschreiben oder selbst das undifferenzierte Vokabular der Anlageberater verwenden, sollte man vorsichtig sein.

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