Sieben Fragen an Heinz-Werner Rapp, Feri
„Klassische Anlagen sind nur Ballast“

Sieben Fragen an Heinz-Werner Rapp, Chef-Anlagestratege von Feri Wealth Management mit einem betreuten Kundenvermögen von drei Mrd. Euro. Die Gesellschaft gehört zu der in Bad Homburg ansässigen Feri-Gruppe, die unter anderem als Verwalter größer Familienvermögen, als Researchhaus und als Berater institutioneller Investoren bekannt ist.

Handelsblatt: Müssen Großanleger heute eher als früher höhere Risiken zur Renditerzielung eingehen, das heißt beispielsweise mit Kreditpositionen Erträge "hebeln" oder sich die Möglichkeit zur Gewinnerzielung bei fallenden Kursen schaffen?

Heinz-Werner Rapp: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Grundsätzlich gilt sicher, dass es im klassischen Geschäft von "Kaufen und Halten" bei Aktien und Anleihen schwieriger wird, ansprechende Erträge zu erzielen. Man sollte deshalb jedoch nicht der Versuchung erliegen, sein Portfolio auf Kredit "zu hebeln". Statt dessen kann man alternative Anlageklassen wie Private Equity, Hedge Fonds oder Rohstoffe aufnehmen, die das Ertrags- und Risikprofil eines Portfolios bereits deutlich verbessern und die teilweise ja auch Derivate oder Leverage-Möglichkeiten nutzen.

Wo sind die Grenzen?

Auch alternative Anlageklassen haben natürlich Risiken, deren man sich bewusst sein sollte. Es gibt nichts umsonst. Außerdem gibt es natürliche Grenzen, wenn beispielsweise einzelne Rohstoffsegmente zu klein sind um größere Handelsvolumina verkraften zu können. Darüber hinaus haben viele Großinvestoren strenge aufsichtsrechtliche oder interne Vorgaben. Per saldo dringen allerdings derivategetriebene Instrumente oder Strategien immer weiter ins Geschäft ein. Ein jüngeres Beispiel sind die so genannten 130/30-Ansätze, bei denen der Verwalter 130 % des Fonds in Aktien investiert, gleichzeitig aber für 30 Prozent des Portfolios Aktien leiht und sofort verkauft. Dieser sogenannte "Long-Short"-Ansatz erweitert die aktiven Investitionsmöglichkeiten eines Managers sehr deutlich. Ziel ist hier, die als guten und schlecht bewerteten Titel noch ausgeprägter zu spielen und so eine aktive Mehrrendite zu erzielen. Aber nur wenige Anbieter aus dem traditionellen Fondsmarkt werden das meiner Meinung nach langfristig überzeugend schaffen.

Wie gehen Sie in der klassischen Analyse vor?

Ganz wichtig als Verwalter großer Familienvermögen ist es uns, über den Tellerrand der nächsten Monate hinaus zu schauen. Wir versuchen grundsätzlich, immer zuerst die großen globalen Trends in den kommenden 5-10 Jahren zu identifizieren. Dieses sogenannte "Big Picture" ist aus unserer Sicht extrem bedeutsam für die strategische Vermögensausrichtung und sollte sich direkt in der Portfolio-Zusammensetzung widerspiegeln. Um nur einige der wichtigen Zukunftstrends zu nennen: Der weitere Aufstieg der Schwellenländer: Das sind die Kapitalisten der Gegenwart, sie akkumulieren Kapital, entscheidend begünstigt durch die Rohstoffhausse. Wir reden über eine massive Umverteilung von Kapital, wirtschaftlicher und finanzieller Potenz. Hingegen geraten die konsum- und verschuldungsorientierten Wirtschaftsmodelle mancher Industrieländer in Nachteil. Andere Besipiele sind die Auswirkungen der globalen Demografie, das grosse Thema der Rohstoffverknappung oder beginnende Strukturverschiebungen in der Geopolitik.

Ist die Rohstoffhausse nachhaltig?

Das läuft wohl noch einige Jahre weiter. Und damit entstehen ganz neue globale Kraftzentren: Russland, die Golfländer, Lateinamerika, Kanada und Australien sind die großen Gewinner. China profitiert von seinem Aufstieg zur Weltmacht. Auch Indien wird in in den kommenden 10-20 Jahren weit oben mitspielen. Großer strategischer Verlierer ist die USA. Man erkennt diese Kraftverschiebung schon an den Währungsrelationen und den unterschiedlichen Aktienmarktentwicklungen. Die Ära der Dollar-Dominanz geht zu Ende, Rubel und Renminbi sind die strategischen Newcomer. Der Dollarabstieg ist übrigens im Umkehrschluss nicht notwendigerweise ein Plus für den Euro und die Eurozone. Wir Europäer haben eigene Probleme. Unsere westlichen Werte, ausgerichtet an Marktwirtschaft, Demokratie und Menschenrechten, sind nicht so universell wie wir oft denken. Andere und auf autokratischen Systemen bauende Machtblöcke haben in den derzeitigen globalen Umbruchzeiten eine höhere Reaktionsgeschwindigkeit und streben nach vorne.

Apropos Rohstoffe: Wie sind sie mit dem Megathema Klimawandel verbunden?

Wir müssen global den Ressourceneinsatz und den Kohlendioxidaussstoss verringern. Der Trend geht daher weg von den rohstoffintensiven Verbrauchsökonomien hin zu Effizienzökonomien. Verlierer sind Industrien, die den wachsenden Nachhaltigkeitsansprüchen nicht mehr genügen können. Auf der Gewinnerseite stehen Unternehmen, die beispielsweise in den Bereichen Solarenergie, Agrartechnologie oder beim effizienteren Einsatz von Rohstoffen Pionierarbeit leisten. Darüber hinaus leiden natürlich die unter den Klimaveränderungen leidenden Agrarregionen und Regionen ohne Rohstoffzugang.

Was bedeutet diese Weltsicht auf die kommenden Jahrzehnte für die Depotstruktur?

Man muss andere Wege gehen. Manche Anleger denken oft auch einfach zu kurzfristig. Ein längerfristig angelegtes Depot sollte direkt auf die Welt von Morgen fokussieren. Viele konventionelle Anlagen sind hier nur Ballast. Wir müssen davon wegkommen, die Zukunftsthemen als reine Beimischungen in den Portfolios zu behandeln. Sie müssen aktiv und zunehmend zentral sein. Mein Motto lautet: weg vom Mainstream, auch wenn institutionelle Anleger natürlich oft aufsichtsrechtliche und interne Vorgaben beachten müssen, die eine Eins-zu-eins-Umsetzung eines solchen Laborportfolios in die Realität verbieten.

Welche Struktur empfehlen Sie konkret?

Ausgehend von einem solchen "Laborportfolio", das aber sicher nicht jeder Investor in Reinform umsetzen kann, sollte ein Viertel der Mittel in Aktien der Schwellenländer fließen. Ein weiteres Viertel sollte dem Rohstoffbereich zugeordnet werden, wobei dann auch das Thema "Nachhaltigkeit" zu adressieren ist. Hier müssen Sie die Themen Öl, Uran, Agrarrohstoffe, aber auch saubere Energien und Wasser wiederfinden. Dann kann als "Wertanker" und Risikoausgleich auch ein größerer Anteil Immobilienanlagen ins Depot. Das sollte aber auf die Regionen mit stark wachsender Bevölkerung konzentriert sein, etwa auf Lateinamerika. Und wenn möglich, sollten da auch Agrarflächen und sonstige Ländereien enthalten sein. Lediglich eine Restquote von maximal einem Fünftel des Kapitals kann dann klassischen Anlagen in Aktien und Anleihen vorbehalten sein. Damit ist man zwar weit weg vom heutigen Mainstream, aber wir empfehlen diese Grobstruktur bereits seit rund 5 Jahren, und die bisherige Entwicklung gibt uns recht.

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