Sieben Fragen an Thomas Gerhardt
„Die Krise ist vorbei“

In den Aktienkursen ist die derzeitige Krise voll eingepreist. Das sagt Thomas Gerhardt, der während der Abwesenheit von DWS-Chef Klaus Kaldemorgen das Investmentteam Aktien leitet. Die DWS ist Deutschlands größte Fondsgesellschaft und verwaltet in Europa etwa 60 Mrd. Euro an Aktienvermögen.

Handelsblatt: Sind die Finanzmarktprobleme überstanden?

Thomas Gerhardt: Die Krise ist vorbei. Um es weniger plakativ zu sagen: Zumindest haben die Aktienkurse die Krise voll eingepreist. Wir werden zwar immer noch hohe Abschreibungen sehen. Aber das wird dann die Kurse nicht mehr dauerhaft belasten. Für uns als DWS ist die Kurskorrektur vom Top Mitte letzten Jahres vorüber. Wir steuern wieder auf normale Verhältnisse zu. Die Welt wir durch die Kreditkrise nicht untergehen. Auch von der technischen Seite her ist der Markt sauber, denn wir haben in den vergangenen Wochen keine großen Verkaufsorders mehr gesehen. Alle, die verkaufen wollten, haben es inzwischen getan.

Wie wichtig ist diese Meinungsänderung für die DWS?

Vergangenen Donnerstag haben wir in einer europäischen Konferenzschaltung über die neue offensive Richtung informiert. Es geht hier um unsere Mitarbeiter beispielsweise in Deutschland, Paris, Warschau, Madrid, Zürich, die wiederum andere Banken, Dachfondsmanager, Vertriebsorganisationen oder Vermögensverwalter betreuen. Und wir haben dort außerdem geraten: Auch das frische Geld jetzt investieren.

Wie haben Sie Ihre Einschätzung in den Portfoliodispositionen umgesetzt?

Wir haben zugekauft, und das in den gesamten in Europa angebotenen Aktienfonds. Nehmen wir als Beispiel den fünf Mrd. Euro großen DWS Vermögensbildungsfonds I, einen unserer Flaggschifffonds. Er hatte wegen der Kreditkrise im September bis November 25 Prozent Kasse aufgebaut. Normalerweise liegt die Cashquote bei weniger als fünf Prozent. Bei diesem Anteil liegen wir auch jetzt wieder. Das gilt ähnlich für alle unsere Aktienfonds. Wir sind praktisch wieder voll investiert.

Können Ihnen die schlechten Konjunkturprognosen nicht einen Strich durch die Rechnung machen?

Zwei Quartale mit schwächerem Wirtschaftswachstum oder sogar eine Rezession sind möglich, vor allem in den USA. Die letzte Variante halten wir für unwahrscheinlich. Entscheidend ist, wann die US-Aktien eine Konjunkturbesserung in den Kursen zu berücksichtigen beginnen. Nach aller Regel tun sie das sechs bis neun Monate vor der tatsächlichen Wirtschaftswende. Und die US-Wirtschaft wird sich als erste zu erholen beginnen.

Was heißt das konkret für Ihre Fondsdispositionen?

Vorher noch ein Wort zum Dollar: Er ist zu billig und hat wegen der Kreditkrise und der Zinssenkungen in den USA sehr gelitten. Bei einer Erholung der US-Wirtschaft wird der Dollar steigen und auch die Wall Street nach oben ziehen. Das wäre aus Sicht eines Euro-Investors doppelt gut. Deshalb haben wir unsere regionale Sicht etwas verändert. In den vergangenen Jahren setzten wir mehr auf Europa und die Schwellenländer als auf die USA. Jetzt raten wir zu einer ausgewogenen Strukturen, zu Lasten des europäischen Anteils. Im erwähnten Fonds etwa stecken 38 Prozent der mittel in US-Titeln, 40 Prozent auf den europäischen Märkten, 17 Prozent in Emerging Markets , dazu kommt der genannte Cashanteil von fünf Prozent.

Was halten Sie von den Emerging Markets und den Rohstoffen nach den Höhenflügen?

Die Rohstoffhausse wird in den nächsten Jahren anhalten. Trotzdem kann beispielsweise der Ölpreis zwischendurch auch einmal von jetzt 125 auf 100 Dollar je Barrel fallen. Der Aufschwung an den Emerging Markets ist in vielen Fällen mit dem Rohstoffboom verbunden. So kommt der jüngste Ölfund der brasilianischen Fördergesellschaft Petrobras natürlich dem Land zugute. Brasilien wird vom Importeur von Öl und Gas zum Exporteur werden. Ich erwarte einen gewaltigen Investitionsboom. Brasilien wird ein neues Saudi-Arabien.

Welche Restrisiken sehen Sie für die Finanzmärkte trotz Ihres optimistischen Ausblicks?

Das künftige Wachstum wird nicht die gesamte Wirtschaft erfassen so wie wir es aus früheren Aufschwüngen gewöhnt sind. Ich rechne mit starkem Wachstum bei den Investitionen, in den Sektoren Rohstoffe und Infrastruktur. Die am Konsum hängenden Branchen dürften unter anderem wegen der steigenden Energiekosten eher leiden. Ein zweites Risiko ist der Margendruck der Unternehmen. Es macht uns das Leben nicht einfacher, wenn ein Konzern wie jüngst General Electric die Märkte mit einer Gewinnwarnung überrascht, weil höhere Öl- und Stahlpreise die Kalkulationen über den Haufen werfen.

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