Sinkende Risikobudgets
Profis stoßen Aktien ab

In der Krise reduzieren Manager von Vorsorgegeldern auf breiter Front ihre Risikopositionen. Experten schätzen, dass die deutschen Altersvorsorgeeinrichtungen ihre Netto-Aktienquoten auf null bis zehn Prozent gesenkt haben.

FRANKFURT. Die Kreditkrise und ihre Belastungen für die Aktienmärkte zwingen Altersvorsorgeeinrichtungen zur Reduzierung ihrer Aktienbestände oder zur Absicherung der Positionen. Das sagen Vertreter großer deutscher Einrichtungen zur Verwaltung von Altersvorsorgegeldern und Consultants, die institutionelle Investoren beraten.

"Die Langfristpläne bleiben unverändert, aber kurzfristig sind die Bestände gesenkt oder auch durch Terminmarktengagements abgesichert worden", erläutert Uwe Rieken, Geschäftsführer beim Consultant Faros. Der Ausblick ist unerfreulich. "Ich erwarte geringere Erträge und sinkende Risikobudgets, eine Trendwende frühestens Ende des Jahrzehnts, damit ähnlich schwere Jahre wie 2001 und 2002", sagt Dirk Lepelmeier, Geschäftsführer Kapitalanlagen bei der Nordrheinischen Ärzteversorgung.

Die aktuell verfügbaren Daten über Märkte für Pensionsfonds und ähnliche Einrichtungen zur Verwaltung von Altersvorsorgegeldern spiegeln die Probleme kaum wider, da die regelmäßigen Beitragszahlungen der Beschäftigten das Bild schönen. "Die Aktienverluste belasten zweifellos", sagt George Coats von der britischen Fachzeitschrift IPE, die jetzt ihre Statistik der europäischen Pensionsfonds vorlegt. Diese Zahlen erfassen die erste Phase der Kreditkrise, da die meisten Vermögensdaten die Stände zum Ende 2007 oder von Anfang 2008 erfassen.

Im Vorjahresvergleich sind die Vermögen europaweit von 3,5 auf 3,7 Bill. Euro gewachsen. Der internationale Pensionsfondsmarkt ist laut jüngsten Zahlen der Consultingfirma Watson Wyatt im vergangenen Jahr um zwei auf 24,9 Bill. Dollar gewachsen (siehe "Vier Fragen an Roger Urwin").

Auf dem europäischen Spielfeld sind die Pensionsfonds je nach ihrer Vorliebe für Aktien unterschiedlich stark getroffen. "Am stärksten in Irland mit einer durchschnittlichen Aktienquote von 77 Prozent, während Deutschland auf weniger als die Hälfte kommt", sagt Coats und bezieht sich dabei auf die Daten zum Ende vergangenen Jahres.

Die aktuellen Quoten, die teilweise außerdem abgesichert sind, können sich davon unterscheiden. Vorsorgeeinrichtungen haben auf die Kreditkrise reagiert, so auch die Bayerische Versorgungskammer, die die Gelder für verschiedene Versorgungswerke verwaltetet und mit rund 40 Mrd. Euro Vermögen Deutschlands größter Kapitaltopf ist. "Im vergangenen Jahr haben wir begonnen die Aktienquote zu senken und das in diesem Jahr fortgesetzt. Die Quoten der einzelnen Versorgungswerke schwanken jetzt zwischen drei und acht Prozent, im vergangenen Jahr waren sie teilweise zweistellig", sagt André Heimrich, Leiter Wertpapiermanagement.

Für Rainer Jakubowski, Vorstand des Versicherungsverein des Bankgewerbes, befinden sich die Märkte "in der größten Krise der Nachkriegszeit". Er reduzierte die Aktienquote im vergangenen Jahr durch Verkäufe, zog außerdem auf dem Börsenhoch mit Put-Optionen Sicherheitslinien ein. "Wir haben nur noch zwei bis drei Prozent ungeschützte Bestände", sagt der Mann aus Berlin. Lepelmeier schätzt, dass die deutschen Altersvorsorgeeinrichtungen ihre Netto-Aktienquoten und damit die ungeschützten Bestände von sechs bis 16 Prozent zur Jahreswende auf jetzt Null bis zehn Prozent gesenkt haben. "Wir sind von 16 auf neun Prozent gegangen", sagt er.

Der weitaus größte Teil des Kapitals von Vorsorgeinrichtungen liegt im Anleihebereich. Hier bereiten die aktuell fallenden Renditen ebenfalls Probleme. "Durch sinkende Einstandsrenditen in der Neuanlage und auslaufende Hochzinsanleihen bauen sich bei gleich hohen Mindestzinsanforderungen Risikopuffer ab", sagt Heimrich. Viele Versorgungseinrichtungen und Pensionskassen müssen vier Prozent oder mehr bieten. Das kann zum zusätzlichen Aktienverkauf und "dann in einer Spiralbewegung zu einem immer höheren Anteil an vermeintlich risikolosen Festverzinslichen führen."

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