Studie unter Asset-Managern
Furcht vor Nahrungskrise

Inflation und hohe Rohstoffpreise: Asset-Manager fürchten laut einer Studie bereits die nächste Schockwelle. In der Kritik der Finanzexperten steht die US-Notenbank, die bereits bei der Bekämpfung der Kreditkrise schlechte Arbeit geleistet habe.

BARCELONA. Die Kreditkrise wird die Wirtschaft noch mehrere Jahre belasten, und wahrscheinlich werden die steigenden Nahrungs- und Energiepreise die nächste Krise auslösen. So bewertet die Mehrheit der internationalen Vermögensverwalter die derzeit heiß diskutierten Probleme. Das ergab eine Umfrage unter rund 1 500 Branchenvertretern und Ökonomen anlässlich der Konferenz "Fund Forum 2008" in Barcelona, die am Freitag endet. Zu den prominentesten Fachleuten auf dem Kongress zählte US-Wirtschaftsprofessor Robert Shiller. "Ich erwarte mehrere Jahre geringen Wachstums", sagte er.

Die Asset-Manager sparen nicht mit Kritik an der US-Notenbank (Fed). Schon bei der Bekämpfung der laufenden Kreditkrise habe die Fed schlechte Arbeit geleistet. "Sie leidet unter der Fehleinschätzung, dass niedrigere Zinsen die Probleme lösen, aber das Kernproblem ist die Überschuldung", sagte Charles Dumas, Chefökonom von Lombard Street Research. Mit dieser Meinung steht er nicht allein. Etwa zwei Drittel der Konferenzteilnehmer teilen laut Umfrage diese Einschätzung. Rund 71 Prozent der Teilnehmer schätzen, dass die Kreditkrise die Wirtschaft in den kommenden drei Jahren belasten wird (siehe "Was Asset-Manager erwarten").

Bei der wichtigen Frage der Standortbestimmung gehen die Bewertungen auseinander. Viele der Fachleute neigen zu vorsichtigem Optimismus mit Blick auf die Kreditkrise. "Wenn wir über die nötigen Abschreibungen reden, haben wir möglicherweise die Hälfte des Weges bereits hinter uns", sagte James Phalen, Leiter des internationalen Geschäftes bei State Street Global Advisors, einem der weltgrößten Geldverwalter. "Das Gröbste liegt hinter uns", sagte auch Robert Kelly, Leiter der Bank of New York Mellon. Seiner Meinung nach wird es jedoch noch weitere Kapitalaufnahmen und eine verstärkte Bankenkonsolidierung geben.

Bei den Börsenprognosen zeigt sich eine große Zurückhaltung. Auf Zwölfmonatssicht sieht beispielsweise Shiller den Dow-Jones-Index bei 11 600 Punkten und damit kaum höher als heute. Skeptiker Dumas siedelt den Dow nur bei 10 500 Zählern an. Besonders für Finanztitel erwarten die Experten noch schwere Zeiten. "Wir werden weitere Kursverluste sehen", prognostiziert Andrew Fleming, Chefstratege von Aegon Asset Management. Robert Burnett, Leiter des europäischen Aktiengeschäfts bei Neptune Asset Management, ist in diesem Sektor "extrem untergewichtet".

Eine Reihe von Asset-Managern sieht die starken Verwerfungen an den Finanzmärkten durchaus als Chance. "Viele der Probleme spiegeln sich bereits in den niedrigen Kursen wider, deshalb kann man jetzt bei chinesischen und asiatischen Aktien mit Käufen beginnen", sagte etwa Bob Yerbury, Leiter von Invesco Perpetual. Eine breit angelegte Empfehlung gab Martin Gilbert, Chef von Aberdeen Asset Management: "Aktien und Unternehmensanleihen sind meiner Meinung nach attraktiv bewertet."

Die vor einem Jahr ausgebrochene Kreditkrise, ausgehend von den Hypothekenproblemen in den USA, hat ihren Status als alleiniger Negativfaktor verloren. Die rapide gestiegenen Preise für Energie und Nahrungsmittelrohstoffe sowie die wachsende Inflation haben weitere Problemfelder in das Bewusstsein der Ökonomen gebracht. Laut Konferenzumfrage sind 58 Prozent der Ansicht, dass die nächste Krise in sozialen Unruhen mündet, ausgelöst durch die Preissteigerungen. "Dieses Szenario ist außerordentlich alarmierend", unterstrich Shiller.

Hier und da wurde über eine weitere Krise im Verbriefungsmarkt diskutiert. "Bei strukturierten Produkten und speziell den Kreditversicherungen, den Credit Default Swaps, erwarte ich das nächste Desaster, sagt Aberdeen-Chef Gilbert. Amin Rajan, Chef der Beratungsfirma Create, vermutet: "Die nächste Krise könnten wir bei strukturierten Produkten und Zertifikaten wie jenen in Deutschland sehen."

Was Vermögensverwalter erwarten

Umfrage

Die 1 500 Teilnehmer der Vermögensverwalter-Konferenz "Fund Forum 2008" in Barcelona geben sich nicht gerade optimistisch. Auf die Frage: "Wird die Kreditkrise die Wirtschaft in den kommenden drei Jahren belasten?", antworteten 71 Prozent mit Ja, 24 Prozent mit Nein, und fünf Prozent gaben keine Antwort. Die Frage: "Sind Zentralbanken, Regierungen und Aufsichtsbehörden gut mit der Kreditkrise umgegangen?", bejahte nur etwa ein Viertel (27 Prozent). Zwei Drittel waren ganz anderer Meinung, und sechs Prozent blieben eine Antwort schuldig.

Krisenherde

Die Antworten auf die Frage: "Wo wird die nächste Krise ausbrechen?" gliedern sich wie folgt: Weitere Subprime-Effekte: elf Prozent; Hedge-Fonds-Desaster: zehn Prozent; große Banken-Schieflagen: 18,5 Prozent; soziale Unruhen wegen Preissteigerungen bei Energie und Nahrungsmitteln: 58 Prozent; andere: 2,5 Prozent.

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