Übernahmen erwartet
Fondsbranche steckt im Strukturwandel

Die Spätfolgen der großen Finanzkrise werden Fondsgesellschaften und Vermögensverwalter zu einem radikalen Umbau zwingen. Führende Manager sind sich einig, dass der Umbruch gerade erst begonnen hat, und die Branche noch lange Zeit beschäftigen wird. Nach Ansicht von Experten wird es noch eine Welle von Übernahmen geben.
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LONDON/FRANKFURT. "In den nächsten zwölf bis 14 Monaten wird sehr viel Geld in Bewegung geraten, weil sich die Investoren nach der Finanzkrise neu orientieren", sagt Eric Gerth, verantwortlich für die Weiterentwicklung des Geschäfts bei Aviva Investors in London.

Nach der Krise brechen die Einnahmen weg

Auch Jacques d'Estais, Mitglied des Executive Committee der französischen Großbank BNP Paribas räumt ein, dass die Asset-Manager weltweit in einer schwierigen Phase stecken. "Das verwaltete Vermögen ist zurückgegangen, und besonders zu Jahresbeginn gab es eine Umorientierung in Richtung Geldanlage. Das hat zu einem Rückgang der Gebühreneinnahmen zwischen 30 und 35 Prozent geführt", sagt er. Insgesamt lägen die Umsätze im Fondsbereich heute etwa 35 bis 40 Prozent niedriger als noch vor einem Jahr.

Die aktuelle Situation zwingt die Asset-Manager zum Handeln. "Sie müssen entweder organisch wachsen oder fusionieren, um die kritische Masse zu erreichen und profitabel zu bleiben", betont d'Estais. Das werde die Konsolidierung der Branche noch einmal beschleunigen und neue Unternehmen mit an die Herausforderungen angepassten Geschäftsmodellen hervorbringen.

Die Welt der Vermögensverwalter ist in den vergangenen Monaten bereits kräftig in Bewegung geraten. Den bislang spektakulärsten Deal landete Larry Fink, der Chef und Gründer der US-Gesellschaft Blackrock.

Nur Spezialisierung oder Größe bieten auf Dauer Chancen

Der weltweit größte Vermögensverwalter übernahm die Fondssparte der britischen Großbank Barclays im Sommer für 13,5 Mrd Dollar. Damit betreut Blackrock nun ein Vermögen von 2 700 Mrd. Dollar, fast so viel wie das deutsche Bruttoinlandsprodukt. Insgesamt wechselten im ersten Halbjahr bei 72 Verkäufen in der Fondsbranche 2,3 Bill. Dollar an Vermögenswerten den Besitzer.

Aviva-Investors-Vorstand Gerth sieht einen generellen Trend zur Größe. "Am Ende werden wohl nur zwei Geschäftsmodelle im Asset-Management übrig bleiben, kleine, stark spezialisierte Firmen und große integrierte Vermögensverwalter, die den Kunden nach der Krise Transparenz und Stabilität bieten". Dagegen werde der Spielraum für mittelgroße Firmen in Zukunft deutlich enger werden.

Traditionell sind viele Vermögensverwalter als Produkthersteller Töchter von Banken oder Versicherungen, die diese Produkte vertreiben. Doch nach der Krise werden diese Verbindungen immer öfter gekappt. Vor allem Banken verabschiedeten sich von ihren Vermögensverwaltungssparten, weil sie dringend frisches Kapital benötigen, um nach den Verwerfungen der vergangenen Monate ihre ausgedünnten Reserven wieder aufzufüllen.

"Dieser Trend wird sich sicherlich noch beschleunigen", sagt Jonathan Little, Vice Chairman von BNY Mellon Asset Management. Nach seiner Meinung spielt aber nicht nur der Kapitalhunger der Institute nach der Krise bei der Konsolidierung eine wichtige Rolle, sondern auch die Tatsache, dass das Fondsmanagement nicht unbedingt zur Kernkompetenz der meisten Kreditinstitute zählt. Viele Geldhäuser würden jetzt erkennen, dass es andere Geschäftsfelder gebe, auf die sie ihre Fähigkeiten und ihr Kapital konzentrieren wollten. "Allein uns wurden in den vergangenen Monaten eine zweistellige Zahl von Fondsmanagern zum Kauf angeboten", sagt Little. Einmal schlug der Manager zu. Im Sommer schluckte BNY Mellon Asset Management Insight Investment Management, einen Ableger von Lloyds für 235 Mio. Pfund.

Auch die Versicherer könnten Töchter zum Verkauf stellen

Nach Einschätzung von BNP-Paribas-Manager d'Estais könnte es in der Assekuranzbranche zu einer ähnlichen Verkaufswelle wie bei den Banken kommen. "Viele europäische Versicherungen stehen vor den gleichen Aufgaben: Sie sind oft mittelgroß und haben nicht die nötige Vertriebskapazität für ihre Fonds. Deshalb sei zu erwarten, dass sich auch Versicherungen, von ihren Vermögensverwaltungstöchtern trennen, wenn sie nicht zum Kerngeschäft gehören, erläutert der Banker.

Asset Management

Konsolidierungsdruck Noch nie standen so viele Vermögensverwalter zum Verkauf wie heute. Nach dem aufsehenerregenden Erwerb von Barclays Global Investors durch das US-Haus Blackrock im ersten Halbjahr ist nach Ansicht von Experten eine ganze Reihe weiterer Asset-Manager in den USA und in Europa im Angebot.

Käufermarkt Als potenzielle Interessenten für die inzwischen ungeliebten Fondstöchter von Banken und Versicherern sehen Experten insbesondere Private-Equity-Gesellschaften und unabhängige Firmen, die sich ausschließlich auf das Asset-Management konzentrieren und die ihr Geschäft verbreitern wollen.

Robert Landgraf
Robert Landgraf
Handelsblatt / Chefkorrespondent Finanzmärkte

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