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Jens Ehrhardt: „Die Maßnahmen sind stumpfe Waffen“

Wie werden sich die Märkte in den kommenden Monaten entwickeln, welche Anlageform wird am besten abschneiden? Das Handelsblatt sprach mit Jens Ehrhardt, Gründer der Dr. Jens Ehrhardt Vermögensverwaltung, über die besondere Situation auf den Finanzmärkten.

Herr Ehrhardt, ist ein Ende der Finanz- und Wirtschaftskrise absehbar?

Die stimulierenden Maßnahmen werden stumpfe Waffen bleiben. Sie dürften zwar das Schlimmste verhindern, aber keine Wende zum besseren bringen. In den USA etwa kann man die Arbeitslosen aus dem Dienstleistungsbereich nicht e9nfach in den Straßenbau schicken, um die vom neuen Präsidenten versprochenen vier Millionen Arbeitsplätze zu schaffen. Und niedrige Zinsen können auch nicht mehr viel bewirken. Es gibt in den USA jetzt jeden Monat 700000 echte neue Arbeitslose, das drückt die Lohnsumme. Gleichzeitig sparen die Amerikaner mehr, denn sie wollen von den Schulden herunter. Da bleibt nicht viel zum Geld ausgeben. Meine These: Wir sind auf dem Weg vom Kredit- zum Sparzyklus. Die USA wird am längsten in er Krise stecken. Ich sehe die Gefahr eines Nullwachstums über die nächsten fünf bis zehn Jahre.

Sind Aktien nach dem Desaster wieder attraktiv?

Eine Beurteilung ist sehr schwierig. Die Anleger wollen nichts verlieren und halten deshalb enorme Barbestände, das heißt bei einer Erholung würden die Kurse nach oben schießen. Manche Beobachter berufen sich auf ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15 in den USA und stufen die Aktien als billig ein. Aber die Unternehmensgewinne können auch im kommenden Jahr noch einmal sinken - gerade wenn der Dollar stark bleiben sollte, denn über die Hälfte der Gewinne kommen aus dem Ausland. Daher liegt das geschätzte Kurs-Gewinn-Verhältnis für das kommende Jahr eher bei 25 bis 30. Zur Erinnerung: Gute Kaufkurse gab es in der Vergangenheit nur bei Bewertungen von unter zehn. Aber immerhin sind die Dividendenrenditen gestiegen. In den USA liegen sie zum ersten Mal seit über einem halben Jahrhundert über den Staatsanleiherenditen. In Asien liegen die Dividendenrenditen sogar über sechs Prozent. Vor einem Jahrzehnt lagen sie teilweise unter einem Prozent. In Hongkong bieten mittelgroße Werte sogar Dividendenrenditen von 20 Prozent, weil einige Tycoone viel Geld verloren und jetzt Kapital haben - das sie sich über hohe Dividendenzahlungen ihrer eigenen Firmen beschaffen. Mit Blick auf die relativ hohen Dividendenrenditen an vielen Märkten könnte man vermuten, dass die Kurse zumindest nahe am Tief sind. Vielleicht gibt es im laufenden Jahr auch wieder eine Differenzierung zwischen guten und schlechten Aktien, nachdem im vergangenen Jahr alles abrutschte. Ein recht gutes Gefühl gibt mir auch, dass die Amerikaner 2008 alle deutschen Aktien verkauft haben, die sie in den fünf Jahren vorher gekauft hatten. Ausländer sind nicht mehr engagiert. Private ebenfalls nicht, die Bestände der Versicherungen tendieren gegen Null, Fonds haben enorme Barquoten. Es kann also kaum noch jemand verkaufen. Wir kaufen sehr selektiv Einzeltitel wie Bilfinger & Berger, die vielleicht auch von den Infrastrukturmaßnahmen in Deutschland profitieren werden. Thematisch setzen wir auf Agrar und Nahrungsmittel. Für Osteuropa kann man ein schlechtes Gefühl haben: Russland kann im Chaos versinken, viele andere osteuropäische Länder sehr anfällig, weil in Fremdwährungen sehr hoch verschuldet.

Wie schätzen Sie die Lage an den Anleihemärkten ein?

Es gibt viele Argumente für Unternehmensanleihen. Bei Inflation wären sie wegen des hohen Zinsen nicht so stark betroffen wie Staatsanleihen. Sollte die Konjunktur weg brechen, würden sie von sinken Kursen der Staatstitel profitieren. Außerdem ist das Insolvenzrisiko gesunken, wie man an den Staatseingriffen bei großen US-Unternehmen sieht. Trotzdem sollte man wegen des Inflations- und Ausfallrisikos überschaubare Laufzeiten von drei bis fünf Jahren wählen. Gute Unternehmenstitel sind vielleicht interessanter als Staatspapiere. Bei Staatstiteln sehen wir vielleicht die nächste Spekulationsblase. Zum Thema Euroraum ist zu sagen: Ich bin überzeugt, dass einige Länder wie Griechenland und Italien den Euro verlassen müssten. Einige Länder brauchen eine Währungsabwertung. Solche Anleihen kaufen wir nicht. Anders gesagt: Ich traue einem gut gemanagten Untenehmen mehr als einem schlecht gemanagten Staat wie Griechenland.

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