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Klaus Martini: „Für Käufe ist es viel zu früh“

Wie werden sich die Märkte in den kommenden Monaten entwickeln, welche Anlageform wird am besten abschneiden? Das Handelsblatt sprach mit Klaus Martini, Vorstand der Wilhelm von Finck AG.

Herr Martini, ist ein Ende der Finanz- und Wirtschaftskrise absehbar?

Die Krise ist im Gegensatz zu der in den 30er Jahren global, und verstärkt durch eine Finanzkrise. Der Grund: wahrscheinlich zu viel Konsum, sicher auch Gier. Aber es geht darüber hinaus. Die ganze Welt ist im Umbruch. Nach dem globalen Konsumzeitalter sind wir auf der Suche nach einer neuen Weltordnung, wissen aber noch nicht, wie sie aussehen wird. In der neuen Welt werden wir wohl weniger Wachstum, weniger Konsum, aber mehr Verstaatlichung und Regulierung bekommen. Wir sehen die Anstrengungen der Politiker und Notenbanker, mit den Rettungsprogrammen die Wirtschaft liquide zu halten. Es geht um die Erhaltung von Arbeitsplätzen und die Abwendung einer Deflation. Vermutlich werden die bisherigen Stimulierungsmaßnahmen aber nicht ausreichen, um aus der Krise heraus zu kommen. Diese Krise ist keine zyklische, sondern eine strukturelle auf der Suche nach einer neuen Werte- und Gesellschaftsordnung. Wir diskutieren ja inzwischen sogar über die Demokratie und in Deutschland über die soziale Marktwirtschaft. Die Wirtschaft wird ihren Boden nicht vor dem nächsten Jahr finden, erst dann, wenn sich die Häuserpreise in den USA stabilisieren. Güter des täglichen Bedarfs werden immer billiger. Wir sehen das an den Rabatten beim Autokauf. Das riecht nach einer Deflationsspirale, in der jeder lieber mit dem Kauf wartet, weil er die Ware später billiger bekommt.

Sind Aktien nach dem Desaster wieder attraktiv?

Ich bin skeptisch, für Käufe ist es wahrscheinlich viel zu früh. Wir haben keine Vorstellung davon, was die Unternehmen in Zukunft verdienen können. Die Banken-Geschäftsmodelle werden sich ändern. Deshalb können wir hier wie auch bei anderen Branchen keine verlässlichen Bewertungskennziffern mehr ableiten. Da tröstet es wenig, wenn sich beispielsweise das US-Konsumentenvertrauen auf niedrigem Niveau zu stabilisieren scheint oder der Frachtratenindex als Messlatte für den Welthandel vom Tief fast verdoppelt hat. Mir gibt auch zu denken, dass in den vergangenen zehn Jahren das Vermögen weltweit kräftig gestiegen ist, während die Aktienkurse in etwa stagnierten. Eine mögliche Erklärung: Das Shareholder-Value-Denken hat zu einem Ausbluten der Bilanzen geführt, die Firmen haben keine stillen Reserven mehr, von denen sie zehren können. Die Wirkung sehen wir bei den Autokonzernen oder bei Schäffler und Conti. Es fehlen uns aber nicht nur Vorstellungen über die künftigen Gewinne, sondern auch schlicht die Anlagethemen. Bis vor einiger Zeit war beispielsweise Klimawandel ein großes Thema. Aber das kostet erst einmal Forschungsgelder. Und es ist bisher auch keine Nachhaltigkeit zu spüren, weil die Rohstoffpreise wieder sinken und die entsprechenden Anstrengungen nachlassen. Ich fürchte, dass wir uns bei Aktien in einer längerfristigen Phase seitwärts oder abwärts laufender Kurse befinden. Unseren Anlegern raten wir aus allen diesen Gründen: Vergesst vorerst die Rendite, konzentriert Euch auf die Substanz. Wenn wir uns engagieren, suchen wir Branchen sehr sorgfältig aus, wie etwa Gesundheitswesen inklusive Pharma oder auch sehr ausgewählte Rohstoffwerte. Wir sichern Bestände teilweise ab oder suchen uns Value-Titel mit starken Dividenden bzw. mit attraktivem Cash-Flow.

Wie schätzen Sie die Lage an den Anleihemärkten ein?

Die US-Notenbank hat jetzt gesagt, dass sie im Notfall auch Treasuries kaufen will. Zentralbanken wollen in der aktuellen Lage keine zu hohen langfristigen Zinsen. Aber schon jetzt schwindet das Vertrauen in Staaten, wie wir am Beispiel Griechenlands sehen, die sechs Prozent Rendite auf ihre Anleihen bieten müssen. Die abstürzenden Konjunkturen könnten in einen Abwertungswettlauf der Währungen münden. Viele Länder dürften versuchen, über eine Abwertung ihrer Währungen den Export anzukurbeln. Auch die Amerikaner haben ein Interesse an einem schwachen Dollar. Eine solche Entwicklung wäre katastrophal und würde protektionistische Eingriffe nach sich ziehen. Kurzfristig sehen wir also eine Deflationsgefahr, längerfristig wegen der Ankurbelungsmaßnahmen Inflation. Aus Anlegersicht heißt das: Die gefallenen Kurse und damit gestiegenen Renditen der vergangenen Tage kann man zu Käufen nutzen. Das macht Sinn, wen man eine längerfristige Wirtschaftskrise erwartet. Dann könnte die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe von jetzt knapp drei auf 2,2 bis 2,4 Prozent sinken. Da wäre dann Geld zu verdienen. Diese Idee kann man auch in Europa spielen.

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