US-Fonds
Analyse: Erfolgreicher Schnüffler

Selbst seine ärgsten Feinde müssen Eliot Spitzer eine exzellente Spürnase bescheinigen. Der hagere Generalstaatsanwalt des Bundesstaats New York hat einen Riecher für Skandale, die die Volksseele erzürnen. Nach den großen Investmentbanken der Wall Street knöpft er sich jetzt die US-Fondsbranche vor.

Die ersten Resultate seiner Untersuchung schockieren: Dutzende Mitarbeiter bei Fondsfirmen, Anlageberatern und Hedge-Funds mussten bereits wegen unsauberen Geschäftsgebarens gehen. Am Montag verlor der Chef von Putnam Investments, immerhin Amerikas fünftgrößte Fondsgesellschaft, seinen Job.

Dabei stehen die Ermittlungen erst am Anfang. Inzwischen schnüffeln Hunderte Ermittler der US-Börsenaufsicht SEC bei den Fonds. Sie erledigen die Detailarbeit, die Spitzer mit seinem kleinen Mitarbeiterstab gar nicht leisten kann. SEC-Chefermittler Stephen Cutler kündigte am Montag „viele weitere Anklagen“ an.

Spitzer hat erneut einen Skandal aufgedeckt, dessen Folgen die US-Finanzwelt erschüttern werden. Manche kritisieren den ehrgeizigen Bürokraten, weil er sein Amt für populistische Angriffe nutzt. Offenbar eifert Spitzer dem legendären New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani nach, der einst als Staatsanwalt mit populären Aktionen Sympathien und Wählerstimmen sammelte.

Doch was spricht eigentlich dagegen, dass jemand Missstände aus Eigeninteresse ans Tageslicht bringt? Nichts. Und dass Spitzer die SEC erneut zum Jagen tragen musste, zeigt, wie dringend er gebraucht wird. Vor zwei Jahren reagierten die Aufseher nur zögerlich auf Spitzers Enthüllungen über Interessenkonflikte bei Investmentbanken. Seine neuen Ermittlungen gegen US-Fonds lassen die SEC einmal mehr schlecht aussehen.

Denn der so genannte Späthandel mit Fondsanteilen stellt seit Jahren ein Problem dar. Einzelne Fonds erlaubten Kunden, nach Börsenschluss zum alten Tageskurs ein- und auszusteigen. Damit konnten diese bevorzugten Investoren – häufig smarte Hedge-Funds – Informationen nutzen, die nach Handelsschluss eintrafen und auf die Otto-Normal-Anleger erst am nächsten Tag reagieren konnte.

Ein alter Kritikpunkt ist auch das so genannte Market-Timing. Dabei nutzen clevere Investoren kleine Differenzen zwischen dem ausgewiesenen Fondspreis und dem tatsächlichen Wert der darin enthaltenen Wertpapiere. Das schnelle Ein- und Aussteigen erhöht die Transaktionskosten und schadet so langfristig engagierten Anlegern. Zwar ist Market-Timing nicht illegal. Aber viele Fonds führten Anleger hinters Licht, indem sie diese Praxis offiziell verurteilten, dies aber intern nicht durchsetzten. Hinzu kommt, dass manche Fondsmanager sich offenbar bereicherten, indem sie Insiderinformationen zum eigenen Vorteil nutzten.

Immerhin bemüht sich die SEC, bisher Versäumtes nachzuholen. Chefermittler Cutler hat eine breite Untersuchung eingeleitet. Erste Ergebnisse einer Befragung von 88 Fondshäusern und 34 Handels- und Beratungsfirmen unterstreichen den dringenden Handlungsbedarf. Danach erlaubte die Hälfte aller Firmen mindestens einem Kunden das Market-Timing. Bei einem Viertel traten Fälle des verbotenen Späthandels auf.

Der Skandal wirft ein Schlaglicht sowohl auf die Schwächen als auch die Stärken des US-Regulierungssystems. Einerseits herrschte viel zu lange eine Laissez-faire-Haltung bei den Aufsehern. Dadurch blieben krasse Missstände lange unentdeckt, und die US-Fondsbranche erfreute sich ungerechtfertigterweise eines Saubermann-Images, das sich jetzt als völlig falsch herausstellt.

Andererseits hat der Wettbewerb zwischen den Regulierungsstellen dafür gesorgt, dass die Probleme letztendlich ans Tageslicht kamen – besser spät als gar nicht. Das entspricht natürlich keineswegs einem ordnungspolitischen Idealmodell. Aber es funktioniert.

In Deutschland und Europa, wo die meisten Fonds in Luxemburg registriert sind, sind kaum ähnliche Skandale bekannt. Hier gibt es niemanden, der die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht unter Druck setzt. In Brüssel bemühen sich die nationalen Aufsichtsämter derweil um Koordinierung und Kooperation. Konfliktgeladener Wettbewerb soll gerade vermieden werden.

Der jüngste Fondsskandal in den USA sollte den Europäern ein Ansporn sein, ihre eigenen Fonds genauer unter die Lupe zu nehmen. Und vielleicht findet sich ja noch ein junger, ehrgeiziger Frankfurter Staatsanwalt, der mit eigenen Enthüllungen ein wenig Staub aufwirbelt. Schaden würde das dem Finanzplatz sicher nicht.

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