Wachsende Defizite belasten die Bilanzen: Britische Konzerne kappen Pensionsfonds

Wachsende Defizite belasten die Bilanzen
Britische Konzerne kappen Pensionsfonds

Eine Institution wackelt: Britische Unternehmen stellen ihre Pensionsfonds in Frage. Neue Regulierungen und Bilanzvorschriften haben die seit Jahrzehnten nebenbei betriebenen Betriebsrentensysteme ins Blickfeld des Managements gerückt. Nun geben immer mehr Unternehmen ihre Pensionsfonds auf oder reduzieren die Zahlungen. Damit bröckelt eine maßgebliche Säule der Altersversorgung.

HB LONDON. Ein Tabu brach kurz vor Weihnachten der Dienstleistungskonzern Rentokil, ein Experte für Raumpflege und Schädlingsbekämpfung. Als erstes Unternehmen des FTSE-100-Index entschied Rentokil sich, die betriebliche Altersversorgung für alle Mitarbeiter aufzugeben. Die erworbenen Ansprüche bleiben erhalten, neue kommen nicht mehr hinzu. Experten erwarten, dass weitere Unternehmen dem Vorbild folgen werden – vor allem solche, in denen die Gewerkschaften wie bei Rentokil keine große Rolle spielen.

Bald darauf gab Provident Financial bekannt, dass seine Mitarbeiter künftig 14 statt bisher sieben Prozent ihrer Gehälter in die Pensionskasse zahlen müssen, wenn sie weiterhin am Betriebsrentensystem teilnehmen wollten. Am Mittwoch verschlechterten auch zwei Handelsketten die Bedingungen für die hauseigenen Pensionsfonds. Der Einzelhandelsunternehmer Philip Green kündigte an, dass 3 600 Beschäftigte seiner Arcadia-Gruppe für ihre Betriebsrenten fünf Jahre länger arbeiten und höhere Einzahlungen leisten müssen. Ähnliches plant er offenbar für seine Textilhandelskette BHS. Green hatte seiner Familie erst vor kurzem eine Sonderdividende von 1,2 Mrd. Pfund ausgeschüttet. Auch die Handelsgenossenschaft Co-Operative Group will ihre Pensionsfonds mit 21 000 Einzahlern schließen und durch ein abgespecktes System ersetzen.

Mehr als die Hälfte der Pensionsfonds haben einer Umfrage ihres nationalen Verbandes NAPF zufolge in den Jahren 2002 bis 2004 bereits die Tore für neue Mitglieder geschlossen. Nun stoppen immer mehr Firmen auch die Zahlungen für aktuelle Mitarbeiter oder verschlechtern die Konditionen. Rund 750 Mrd. Pfund (1,1 Bill. Euro) liegen in den Pensionsfonds der Firmen, doch die steigende Lebenserwartung der Briten lässt die Zahlungsverpflichtungen schneller steigen als das Fondsvermögen. So ist bis heute allein bei den 350 Top-Unternehmen an der Londoner Börse ein Defizit von 130 Mrd. Pfund aufgelaufen (siehe Rentenlast drückt britische Unternehmen).

„2005 ist das Jahr, in dem die Finanzchefs endlich akzeptiert haben, dass Pensionsdefizite Schulden sind“, sagt David Robbins, Partner bei der Unternehmensberatung Deloitte. Neue Bilanzvorschriften haben diese Einsicht gefördert. Die neue Regulierungsbehörde für Pensionen gibt den Firmen zehn Jahre Zeit, die Defizite abzubauen. Auf eine leichte Lösung durch steigende Aktienkurse können sie nicht hoffen. „Der Aktienmarkt müsste sofort um 30 Prozent steigen, um die Defizite zu eliminieren“, sagt Robbins.

Darauf mögen die Finanzchefs nicht hoffen. Sie leisten lieber Sonderzahlungen in die Fondskassen. So gab Provident zusammen mit der Verschlechterung der Konditionen bekannt, das Defizit von 133 Mill. Pfund bis Ende 2006 zu tilgen. Unilever, das Unternehmen mit dem fünfthöchsten Defizit in Großbritannien, legt seine 98 Pensionsfonds weltweit zusammen, um deren Management zu verbessern. Und viele Fonds wollen den Aktienanteil drastisch senken, um Risiken zu verringern.

Rentenlast drückt britische Unternehmen

Schlüsselrolle

Die betriebliche Altersvorsorge spielt in Großbritannien eine wichtige Rolle. Die rund 10 000 Pensionsfonds haben knapp 15 Mill. Mitglieder. Doch mit gut vier Millionen zahlen heute nur noch halb so viele Arbeitnehmer ein wie 1967.

Riesenlücke

Rund 640 Mrd. Pfund (930 Mrd. Euro) liegen allein in den Pensionsfonds der 350 größten börsennotierten Unternehmen. Doch dem stehen Zahlungsverpflichtungen von 770 Mrd. Pfund gegenüber. Das Defizit von 130 Mrd. Pfund entspricht elf Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Zahlungspause

Das Defizit der Pensionskassen ist vor allem durch den Börseneinbruch nach der Jahrtausendwende gestiegen. Während das Vermögen der Fonds schrumpfte, stieg die Lebenserwartung der Briten. Dazu kommt, dass viele Unternehmen ihre Zahlungen in die Pensionsfonds jahrelang aussetzten

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Einschränkung

Die Defizite in den Pensionskassen schränken den finanziellen Spielraum der Unternehmen ein. Sie drücken die Gewinne und Dividenden. Da sich die Firmen auch durch Fusionen nicht aus ihren Verpflichtungen befreien können, schrecken die Defizite mögliche Käufer ab. Unternehmen aus anderen Ländern haben allerdings vergleichbare Probleme.

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