Die Märkte des Schwellenlandes können sich von der negativen Entwicklung in den USA und Europa abkoppeln - dank solider Wachstumsaussichten. Vor allem Telekomunikations- und Konsumwerte sind an der Börse beliebt. Und die Fusions- und Übernahmewelle läft schon seit Jahresbeginn auf vollen Touren.
SÃO PAULO. In den vergangenen Wochen machten die brasilianischen Finanzmärkte eine neue Erfahrung: Inmitten der zunehmenden Risikoscheu stürzen brasilianische Aktien, Zinsen und der Wechselkurs nicht automatisch ab, wenn die Börsen in Europa oder den USA wackeln – so wie sonst immer. So gewann die brasilianische Börse seit Jahresbeginn fast drei Prozent während etwa London um 10 Prozent einbrach und die US-Börse Nasdaq sogar um 12 Prozent.
Derzeit deutet vieles darauf hin, dass Brasiliens neue Stabilität weiter anhalten könnte: Nach einer Umfrage der Investmentbank Merrill Lynch unter Fondsmanagern ist Lateinamerika derzeit die attraktivste Börsenregion unter den aufstrebenden Volkswirtschaften. Dabei ist Brasilien der größte Favorit. 62 Prozent der von Merrill Lynch befragten Spezialisten konzentrieren in Brasilien übergewichtig ihre Investitionen in Lateinamerika.
Wie überall in den Emerging-Markets konzentrieren sich die Manager derzeit auf Branchen, die stärker von der Binnenwirtschaft und weniger von der Weltwirtschaft abhängen. Bevorzugt werden Telekom- und Konsumaktien. Das lässt sich in Brasilien deutlich sehen: Nachdem brasilianische Telekomaktien drei Jahre vor sich hin dümpelten, sind unter den zehn Aktien die im Januar am besten abgeschnitten haben, sieben Telcos. Die Aktien der Konzerne profitieren einerseits von den anhaltend guten Wachstumsaussichten in Brasilien: Nach 5,4 Prozent könnte Brasilien dieses Jahr 4,8 Prozent wachsen, erwartet Goldman Sachs. Gleichzeitig will die Regierung Fusionen in der Branche erleichtern. Davon erhoffen sich Analysten eine Bereinigung der komplizierten Eigentumsverhältnisse in den vor zehn Jahren privatisierten Unternehmen. „Wegen der endlosen Streitereien in den Konzernen wurde übersehen, dass sie Jahr für Jahr rentabler geworden sind“, sagt Rogério Tostes von Santander.
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Auch sonst läuft die Fusions- und Übernahmewelle in Brasilien seit Jahresbeginn auf vollen Touren: Dabei sind ausländische Konzerne genauso aktiv wie brasilianische Unternehmen, die sich im Ausland engagieren. So kaufte Anglo American für 5,5 Mrd. $ die Erzminen von MMX. Der Zementkonzern Votorantim schluckte in den USA den Baumaterial-Konkurrenten Prairie. „Die Fusionswelle wird anhalten“, erwartet Roderick Greenleves von UBS Pactual, „die Unternehmen haben durch die Börsengänge Geld in den Kassen.“ Vor allem die Branchen Lebensmittel, Getränke, Technologie stehen erst am Anfang einer Konsolidierung, heißt es bei KPMG.
Offen ist derzeit, wann weitere Unternehmen den Börsengang wagen: Im Jahr 2007 wurden die Aktien von 63 neuen Unternehmen in São Paulo lanciert; 28 Unternehmen haben ihren IPO beantragt. Wegen der gestiegenen Unsicherheit auf den Finanzmärkten, werden jedoch nur bekanntere Unternehmen Chancen auf sofortige Kurssteigerungen haben. Als aussichtsreich gelten unter lokalen Investmentbanken etwa die Banken Bonsucesso oder Fibra, der Einzelhändler GBarbosa, der Zucker- und Ethanolkonzern LDC Bioenergia und auch die beiden Unternehmen des brasilianischen Multimilliardärs Eike Batista: Der Logistikbetreiber LLX und der Öl- und Gaskonzern OGX.
Ein Grund für den konstanten Börsenboom der vergangenen vier Jahre in Brasilien war, dass die Aktien im Vergleich zu anderen Emerging-Markets immer noch sehr billig waren. Das hat sich jetzt teilweise geändert: So wird etwa Petrobras, der wichtigste brasilianische Blue-Chips heute mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 20 gehandelt. Die Konkurrenten Exxon (12) oder BP (11) sind inzwischen weit billiger geworden. Auch für neue Aktien gilt das teilweise: Die Wohnungsbaukonzerne Gafisa (31) oder Abyara (30) sind inzwischen viel teurer als Konkurrenten in Mexiko wie etwa Geo (12).
Obwohl die meisten Analysten erwarten, dass die Schwankungen in São Paulo dieses Jahr zunehmen, rechnen sie bis zum Jahresende mit einem deutlichen Aufschwung: Santander prognostizierte im Januar den Index bei 72 000 Punkten, UBS sieht ihn gar bei 85 000 Punkten. Demnach liegt das Potenzial der brasilianischen Börse derzeit zwischen 18 und 31 Prozent.

