0 Bewertungen
06.07.2006 
Handelsblatt-Feature

Grauer Markt, blauäugige Anleger

von Stefanie Müller

Die in Madrid lebende Engländerin Barbara Long kann es immer noch nicht fassen. Nicht von ihrem spanischen Anlageberater, sondern vom Nachrichtensprecher im Fernsehen bekommt sie die Nachricht, dass das Unternehmen, dem sie und ihr Mann William 60 000 Euro anvertraut haben, am Ende ist:

Panik nach der Razzia: Kleinanleger stellen einen vertreter des Briefmarkenversandhauses Forum Filatelico vor der Unternehmenszentrale in Madrid zur Rede.

Panik nach der Razzia: Kleinanleger stellen einen vertreter des Briefmarkenversandhauses Forum Filatelico vor der Unternehmenszentrale in Madrid zur Rede.

MADRID. Die Polizei habe in Madrid die Geschäftsräume durchsucht und neun Personen festgenommen, erfährt sie. Bilanzfälschung, Geldwäsche, Korruption und Anlagebetrug im großen Stil werden dem seit 26 Jahren tätigen Auktionshaus und Kunstanlageunternehmen Afinsa vorgeworfen.

Für die Anlegerin ist das unfassbar. Das Unternehmen macht gemäß seinen Geschäftsberichten rund 600 Millionen Euro Umsatz, besitzt 24 Filialen im Ausland. Ebenfalls durchsucht werden die Räume des spanischen Briefmarkenversandhauses Fórum Filatélico, seit 25 Jahren im Geschäft, Umsatz 840 Millionen Euro. Manager von Afinsa und Fórum Filatélico machten den Ermittlern zufolge gemeinsame Sache. Bei dem Fall handelt es sich nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen um den größten Anlagebetrug der spanischen Geschichte. 400 000 Menschen werden wahrscheinlich – wie die 46-jährige Barbara Long und ihr Mann William – keinen Cent mehr von ihren Briefmarken-Investments sehen. Denn viele Briefmarken sind gefälscht oder viel weniger wert, als die Unternehmen angegeben haben.

Bisher sind nach Angaben des Bundeskriminalamts und der Deutschen Botschaft unter den Geschädigten keine Deutschen. Aber auch rund 20 000 Portugiesen hatten ihr Geld bei dem spanischen Unternehmen angelegt.


So kommen Sie ohne Risiko zu Ihrem Recht: Großes Handelsblatt-Special zum Thema Prozessfinanzierung


Fünf Tage nach der Schreckensnachricht entdecken die Fahnder zu Longs Freude Schwarzgeldkonten mit 240 Millionen Euro in der Schweiz und zahlreichen Steuerparadiesen. Aber die Hoffnung, noch etwas von ihrem Geld zu sehen, gibt sie schnell auf: Die Schadenssumme steht zwar noch nicht genau fest, das Finanzloch beider Unternehmen beträgt nach den Erkenntnissen der Staatsanwälte jedoch um die fünf Milliarden Euro.

Eine Riesenpleite, auch für die Angestellten von Afinsa und Fórum Filatélico, die zum Großteil noch immer an die Unschuld der vor ihren Augen abgeführten Chefs glauben. Bisher haben die Verhafteten nur gestanden, dass der Kaufpreis der Briefmarkensammlungen nicht dem wahren Wert entsprach. Afinsa hat bis zu 1 000 Prozent aufgeschlagen. Bei einem Briefmarkenlieferanten fanden die Ermittler allerdings eine Fälscherwerkstatt im Keller.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Kontrolle hat kläglich versagt

Afinsa und Fórum Filatélico unterlagen weder der Banken-, noch der Versicherungs- oder Börsenaufsicht, sondern lediglich der Kontrolle des Ministeriums für Gesundheit und Konsum. „Und das hat bei seinen Ermittlungen am grauen Kapitalmarkt kläglich versagt“, sagt Julio Urgel von der Wirtschaftshochschule Instituto de Empresa. Dem Image des Landes habe das enorm geschadet.

Die Verbraucherorganisationen können die Flut der Beschwerden kaum noch bewältigen, verlangen von der Regierung finanzielle Hilfe für Sammelklagen. Zwei Millionen Euro sagte immerhin das zuständige Ministerium zu. Die Verbraucherschutzverbände Adicae und Ausbanc, die seit Jahren vor beiden Unternehmen gewarnt haben, wollen jedoch direkt gegen den Staat vor Gericht ziehen: „Er hätte früher eingreifen müssen, dieses Anlagesystem stank doch zum Himmel“, argumentieren die Verbraucherschützer.

Wie die Künstlerin Long und ihr Mann, der ein Wein-Exportunternehmen besitzt, fragen sich nun viele der Geschädigten in Spanien, wie sie so naiv sein konnten – zu glauben, dass man mit Briefmarken, wie von den Unternehmen jahrzehntelang versprochen, wirklich eine Rendite zwischen fünf und zehn Prozent machen könne. „Es lag wohl daran, dass die Dividenden pünktlich ausgezahlt wurden,“ sagt Long, die seit sechs Jahren ihr Geld bei Afinsa hatte. Sie kramt die Unterlagen aus dem Schrank, zeigt den Scheck mit der jährlichen Dividendenzahlung. Jedes Jahr bekam sie ihn zwölf Monate im voraus. Ende Juni wäre wieder einer fällig geworden.

Zahlen konnten die Unternehmen, weil sie mutmaßlich ein Pyramidensystem betrieben. Es fanden sich immer genug neue Anleger, mit deren Einlagen die Dividenden der alten Kunden bezahlt werden konnten. Rücklagen für den Rückkauf der Sammlungen, wie es im Vertrag stand, wurden dagegen nicht gebildet. Vor Gericht stehen deswegen jetzt auch die Steuerprüfer von Afinsa und Fórum Filatélico, welche die vielen Ungereimtheiten in den Bilanzen nicht entdeckt haben.

Vicente Tardío, Präsident der spanischen Filiale der deutschen Versicherungsgesellschaft Allianz, ist jedoch nicht der Ansicht, dass die Prüfer das System gedeckt haben. „Es ist nicht so einfach, so etwas aufzudecken.“ Er hält die Leichtgläubigkeit vieler Spanier für den Hauptgrund, warum dieses Pyramidensystem so lange funktionieren konnte: „Es herrscht hier einfach ein großes Unwissen über Anlageprodukte vor.“ Zu viele Menschen vertrauten einfach darauf, was ein Freund oder ein Verwandter sage. „Viele überlassen ihr ganzes Erspartes einer so genannten Vertrauensperson, statt selber Verantwortung zu übernehmen“, erklärt Wirtschaftsexperte Urgel das Phänomen.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vermögen lockt Vertreter an

So erging es auch den Longs, die ihrem spanischen Anlageberater und einem Freund aus London vertrauten, der den Briefmarken-Markt als „stabil und sicher“ bezeichnete. In Madrider Vierteln köderten clevere Afinsa-Makler auf diese Weise ganze Häuserblocks. Sie verkauften Briefmarken zwischen Tür und Angel als seriöse Altersvorsorge.

„Es ist ein Albtraum, wir brauchten das Geld als Anzahlung für einen Hauskauf“, sagt Long. Sie fühlt sich hintergangen. Ihr Anlageberater sagt, er habe dem System selbst blind vertraut und 180 000 Euro bei Afinsa angelegt. Nun bangt er mit seinen Kunden um das Ersparte. Denen hatte er den Tipp gegeben: „Nirgendwo können Sie das Geld besser anlegen als in Briefmarken. Banken sind doch in Spanien nicht sicher.“


» Die Handelsblatt-Anleger Akademie:
Wie Sie Ihr Geld vermehren können – eine Anleitung.


Für die Longs war das damals ein schlagkräftiges Argument. Selbst Pensionsfonds schienen dem britischen Unternehmer nicht sicher: „Mein Schwiegervater hat sein ganzes Geld dort angelegt. Als der Fonds dann Pleite ging, bekam er nur die Hälfte von dem, was man ihm versprochen hatte.“ Er habe nicht gewollt, dass es ihm genauso ergehe. Jetzt wäre er froh, wenn er nur die Hälfte seines Einsatzes verloren hätte.

Vermögen lockt Vertreter an

Wohlstand: In den vergangenen Jahren haben die Spanier wegen des enormen Wohlstandzuwachses (s. Grafik) und des starken Anstiegs der Immobilienpreise mehr Geld als je zuvor zur Verfügung gehabt. Das hat dazu geführt, dass immer neue Kapitalanlagefirmen auf den Markt kamen. Die meisten Spanier haben bisher in Immobilien investiert, sehr viele auch in die Börse und immer mehr in bewegliche Güter wie Briefmarken, Kunst, Wein oder Holz.

Anlagen: Der Markt der beweglichen Güter unterliegt derzeit in Spanien keiner Kontrolle. Der Wert vieler Gegenstände ist wenig transparent. Auch das bereits relativ große Unternehmen Bosques Naturales, das die Anlage in Edelholzbäume ermöglicht, steht derzeit im Verdacht, keine Rücklagen für den Rückkauf der Anlagen gebildet zu haben.

Kontrolle: Seit dem Skandal um Afinsa und Fórum Filatélico überlegt die spanische Regierung, den Markt der beweglichen Güter ebenfalls unter die Kontrolle einer Finanzaufsichtsbehörde zu stellen oder ein eigenes Organ dafür zu schaffen.


» Hier lesen Sie mehr zum Thema Anlagestrategie ...


Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Nur eine Korrektur  Artikel in Merkliste

06.10.2008

Der Ölpreis fällt und fällt. Und noch scheint kein Ende absehbar. Doch um mehr als eine Korrektur der vorausgegangenen Preis-Übertreibungen handelt es sich beim Rückfall des Preises auf unter 90 Dollar je Barrel nicht. Öl wird langfristig wieder teurer. Kommentar

Markt-Monitor

Versteckter Tipp  Artikel in Merkliste

06.10.2008 von Ralf Drescher

Ein staatliches Hilfsprogramm jagt das andere. Doch die Börsen geben weiter nach, weil das Vertrauen zerstört ist. Auf der Suche nach Orientierung leistet die Bundesregierung Hilfe. Kommentar

Handelsblatt Börsenradio 06.10.2008 (Abendausgabe) 

06.10.2008Börsenradio

DAX auf schwächstem Stand seit Juni 2006 - HRE-Aktie sackt trotz Rettungspaket drastisch ab - Steinbrück: Auch nach Hypo-Real-Estate-Rettung Lage 'hoch gefährlich' - Euro auf den tiefsten Stand seit 13 Monaten gefallen Anhören


Anzeige