Institutionelles Investment

Mönch und Vermögensverwalter
Renditejagd mit Gottes Segen

Benediktiner-Pater Anselm Grün ist nicht nur ein erfolgreicher Buchautor, er bevorzugt auch „kreative Geldanlagen“ – und entscheidet nach Bauchgefühl. Erscheint ihm ein Investment attraktiv, überlegt er nicht zu lange.
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Bad WörishofenDer Kursaal in Bad Wörishofen ist an diesem Abend Ende Oktober bis auf den letzten Platz gefüllt. Bis zu 28 Euro haben die gut 900 Besucher für eine Eintrittskarte gezahlt. Sie erwarten einen 72-jährigen Mann mit schwarzer Kutte, langen Haaren und Bart. „Wie wir leben - Wie wir leben könnten: der neue Vortrag von Anselm Grün“, steht im Foyer auf den Plakaten. Der Pater selbst hat in der Stunde vor dem Auftritt noch Zeit für ein Interview bei Cappuccino und Apfelstrudel. „Mein Abendessen“, wie er sagt.

Rund 20 Millionen Bücher hat Pater Anselm Grün in den vergangenen Jahrzehnten verkauft. So viel schaffen selbst die bekanntesten Namen unter den deutschen Schriftstellern nicht. Er könnte also mehrfacher Millionär sein, besitzt selbst aber gar kein Geld. Geht er auf Reisen wie an diesem Tag, dann lässt er sich 150 Euro aus der Klosterkasse zum Tanken auszahlen.

Was indes keinesfalls bedeutet, dass er keine Ahnung von Geld hätte. 36 Jahre war Anselm Grün Cellerar seines Heimatklosters Münsterschwarzach zwischen Würzburg und Nürnberg. So werden Geldverwalter unter Seinesgleichen genannt. Vor vier Jahren hat er die Verantwortung an seinen Nachfolger abgegeben, berät aber immer noch.

„Nur den Aktienanteil in den Depots manage ich immer noch selbst“, sagt er heute mit dem ihm typischen Understatement. Dass der Aktienanteil dort aber bei 70 Prozent liegt, erzählt er erst auf Nachfrage. Grün ist immer noch der aktive Fondsmanager. Auch wenn er sich nie als solchen bezeichnen würde. Investiert er doch höchstens eine Viertelstunde pro Tag in seine Börsengeschäfte. „Nur am Freitag sind es 20 Minuten, da kommt der Börsenbrief.“

Das sagt viel über den Anleger Anselm Grün. Die Millionen, die er mit seinen Büchern und den rund 200 Vorträgen pro Jahr einnimmt, fließen in das Kloster. Und Grün legt sie seit Jahrzehnten so an, wie man es aus Expertensicht besser nicht machen sollte. Er spekuliert auf Kredit, nimmt schon mal Fremdwährungsdarlehen auf, kauft Mittelstandsanleihen und Griechenland-Bonds. Schlaflose Nächte habe er dabei nie gehabt. „Ich habe, Gott sei Dank, nie so einseitig spekuliert, dass alles ins Wanken gekommen ist“, bleibt Grün gelassen. Man müsse halt streuen. Zumindest hier beherzt er die herkömmlichen Börsenweisheiten.

Ansonsten ist er bei dem, was Banken und Vermögensverwalter ihm raten, eher skeptisch. Grün geht beim Thema Geldanlage auch nach seinem Bauchgefühl. Wenn ihm ein Investment attraktiv erscheint, dann überlegt er nicht zu lange. Mit rund zehn Instituten arbeitet das Kloster zusammen. Gerade gab es erst wieder einen Wechsel in der Vermögensverwaltung. „Nicht zufriedenstellend“ sei bisher die Arbeit gewesen, drückt es Grün vorsichtig aus. Deswegen probiere er jetzt wieder andere Institute aus.

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Grün hat Gewinne mitgenommen

Kommentare zu " Mönch und Vermögensverwalter: Renditejagd mit Gottes Segen"

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  • Das Gute daran, wenn man von etwas selbst Ahnung hat (und obendrein weiß, was man will) ist, dass man sich von niemandem ein X für ein U vormachen lassen muss.

    Leider kennen sich die allermeisten Menschen - mich eingeschlossen - wohl bei weitem nicht nur nicht so gut in der komplexen Welt der Finanzen aus wie Pater Anselm Grün, sie dürften obendrein auch eine weit geringere Affinität dazu haben als er.

    Es wär‘ aber schon viel gewonnen, wenn sich alle Marktteilnehmer bei ihren Geldgeschäften von der gleichen oder einer ähnlichen Motivation leiten ließen, auch wenn sie nicht unmittelbar für andere finanzielle Verantwortung übernommen haben.

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