Institutionelles Investment

Nachhaltiges Investieren Geld für eine bessere Welt

Nachhaltiges Investieren ist ein großes Thema in Zeiten des Klimawandels. Politiker und Großanleger treiben den Trend. Es geht um mehr als ein gutes Gewissen, es geht auch um attraktive Renditen.
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Umweltaspekte gewinnen an Bedeutung. Quelle: Katharina Hesse/laif
Naturschutzgebiet in China

Umweltaspekte gewinnen an Bedeutung.

(Foto: Katharina Hesse/laif)

FrankfurtDer 57-Jährige aus Neckarsulm ist bis zum Mond gelaufen – und noch weiter. Rein rechnerisch. Jürgen Mennel ist in seinem Leben über 400.000 Kilometer gerannt. Das ist Weltrekord. Jetzt will der Ultramarathonläufer für Nachhaltigkeit in der Finanzbranche werben: „Was ich mache, ist nachhaltig.“ Die am Montag startende Weltklimakonferenz der Vereinten Nationen (UNO) in Bonn gibt ihm Rückenwind. Im nächsten Jahr plant er, mit einem Lauf von Stuttgart aus den Finanzplatz Frankfurt mit dem Ort des letzten UNO-Gipfels, Paris, zu verbinden.

Die Initiative ist ein Beispiel unter vielen. Nachhaltiges Investieren zählt zu den großen Schlagworten in der Finanzbranche. Im Kern geht es um die Erhaltung der Erdressourcen, sozial verantwortliches Handeln und gute Unternehmensführung. Darauf sollen Investoren achten, wenn sie Firmen oder Staaten bei der Anlage in Aktien oder Anleihen aussuchen. Die Finanzbranche wirbt für diesen Anspruch mit „ESG“- was für die angelsächsischen Begriffe Environment, Social, Governance steht.

Das Konzept hat Erfolg: Die unter diesem Thema verwalteten Vermögen sind in den vergangenen Jahren rasant gestiegen. Gründe dafür gibt es viele: Die Diskussion um den Klimawandel, angeheizt durch Meldungen über schmelzendes Polareis, Dürren, Megastürme, Überflutungen. Es sind Berichte über die Ausbeutung von Arbeitern in wirtschaftlich schwachen Ländern wie in Bangladesh. Hinzu kommen Nachrichten über das Versagen von Firmenchefs, der Dieselskandal bei VW ist ein Paradefall. 

Michael Lewis von der Deutsche-Bank-Fondstochter Deutsche Asset Management in London gehört zu den Experten, die den Bereich beobachten. Das verwaltete Vermögen, das nach solchen Kriterien betreut wird, dürfte „im kommenden Jahr weltweit bei 30 bis 35 Billionen Dollar“ liegen. Das wäre fast drei Mal so viel wie noch vor sechs Jahren (siehe Grafik). Der mit Abstand größte Teil dieses Kapitals stammt aus den USA und aus Europa.

Die Angst vor dem Umweltkollaps brachte eine bunte Riege von Kämpfern für eine bessere Welt zusammen. Rund um das Thema hat sich ein eigenes Ökosystem gebildet, bestehend aus überstaatlichen Organisationen, Politikern, Analysefirmen, Nicht-Regierungsorganisationen und auch privaten Initiativen. Die Vereinten Nationen haben vor über einem Jahrzehnt mit Investoren „Prinzipien für verantwortliches Investieren“ niedergeschrieben. Inzwischen gibt es weltweit dafür fast 1 800 Unterzeichner, die für Kapital von 70 Billionen Dollar stehen.

Klimawandel und grüne Energie im Fokus

„Wir erkennen einen starken politischen Willen, der das Thema Nachhaltigkeit maßgeblich treibt“, erkennt Ingo Speich, Fondsmanager beim genossenschaftlichen Anbieter Union Investment. Frappierend ist die Entwicklung bei dem am stärksten beachteten Teilthema: dem Klimawandel - der globalen Erwärmung, angetrieben durch Treibhausgase, die bei Verbrennungen entstehen. Im Zentrum der Diskussion steht daher der Ausstieg aus fossiler Energieerzeugung und der Einstieg in alternative Energien. Heute gibt es in den größeren Ländern fast 1.300 darauf zielende Gesetze, rund 20 Mal so viel wie vor zwei Jahrzehnten.

Als wichtiger Anstoß gilt die klimapolitische Vorgabe der UNO, die globale Erwärmung bis 2050 auf weniger als zwei Grad Celsius gegenüber der Zeit vor der Industrialisierung zu begrenzen. „Das gelingt nur, wenn wir bis zum Jahr 2050 mehr als 80 Prozent der Kohlevorkommen, ein Drittel der Ölvorkommen und die Hälfte der Gasvorkommen nicht verbrennen“, betont Katherine Richardson, Leiterin des Instituts für Nachhaltigkeit an der Universität Kopenhagen. Der globale Umbau zu einer sauberen Energiewirtschaft sei „in vollem Gange“, erkennt Daniel Klier, bei HSBC zuständig für nachhaltige Finanzthemen. Allerdings bewegten sich Investoren und Firmen mit unterschiedlichem Tempo. Das stellte die Bank bei einer Umfrage fest: Drei Viertel der Investoren in Europa sehen bei Firmen Nachholbedarf bei Informationen zu klimarelevanten Fragen.

Großanleger und Firmen stehen beim Oberthema Nachhaltigkeit inzwischen vor einer Fülle von Anforderungskatalogen. In der Eurozone beispielsweise müssen die großen Unternehmen ab dem Geschäftsbericht für dieses Jahr Informationen liefern, wie sich ihr Geschäft auf Umwelt und Gesellschaft auswirkt, wie sie Menschenrechte, Korruptionsthemen und Diversität im eigenen Top-Management behandeln. Bis Ende nächsten Jahres müssen die EU-Länder Regeln für ihre größeren Pensionskassen umsetzen. Die Versorgungskassen müssen dann nachweisen, inwieweit sie nachhaltige Prinzipien bei der Geldanlage berücksichtigen. „Staatlich geförderte Sparformen könnten einen nachhaltigen Touch bekommen“, vermutet Union-Investment-Mann Speich. Die Europäische Union hat erst in diesem Jahr eine hochrangige Expertengruppe eingesetzt, die das Thema weiter vorantreiben soll.

„Es gibt viele politische Bestrebungen und Initiativen zur Stärkung einer nachhaltigen Finanzwirtschaft“, weiß Claudia Tober, Chefin des Forums Nachhaltige Geldanlagen. In Deutschland redet auch der Rat für Nachhaltige Entwicklung, eingesetzt von der Bundesregierung, ein Wort mit. Und in diesem Sommer veröffentlichte eine Expertengruppe um den früheren New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg eine Empfehlungsliste, wie Unternehmen ihre Treibhausgasrisiken veröffentlichen sollten.

Die Fülle von Ansätzen macht die Lage unübersichtlich für Anleger, die nachhaltig investieren wollen. Es gibt einen regelrechten Konzept-Dschungel. Kirchennahe Investoren bevorzugen oft Ausschlusskriterien. Sie verzichten beispielsweise auf Anlagen in den Bereichen Tabak, Waffen, Glücksspiel. Andere filtern in den einzelnen Wirtschaftsbranchen Anbieter heraus, die im Vergleich zu ihren Wettbewerbern am nachhaltigsten wirtschaften. Wieder andere arbeiten hinter den Kulissen, sprechen mit den Firmen, in die sie investiert sind, wenn sie bestimmte Standards verletzen.

Diese letzte Variante ist unter dem angelsächsischen Branchenkürzel „Engagement“ bekannt. So geht auch die größte deutsche Versorgungskasse vor. „Wir sehen uns als großer Investor in der Verantwortung“, sagt André Heimrich, Vorstand und Investmentchef der Bayerischen Versorgungskammer BVK. Der 55-Jährige ist verantwortlich für mehr als 80 Milliarden Euro Kapital und über zwei Millionen Versicherte und Leistungsempfänger.

Die BVK lässt die Stimmrechte ihrer Aktienbestände - wie einige andere Investoren auch - von der Bank of Montreal wahrnehmen. Die Bank vertritt nachhaltige Ansätze. Das Pooling soll die Schlagkraft dieser Stimmrechte und damit den Einfluss auf die Unternehmenspolitik erhöhen. „Für uns ist Nachhaltigkeit Teil des Risikomanagements“, sagt Heimrich. Er hält das für logisch: „Wenn bei Firmen Nachhaltigkeitsrisiken aufgedeckt werden, belastet das den Aktienkurs.“

Bei Anleihekäufen stützt sich die Versorgungskasse auf die Nachhaltigkeits-Ratings des Analysehauses Oekom Research. Wenn Emittenten Standards nicht einhielten, würde man mit den betroffenen Unternehmen reden – und im Zweifel auf die Bonds verzichten. Jetzt geht die BVK den nächsten Schritt. Die Versorgungskasse beschäftigt rund 100 Vermögensverwalter. „Wir wollen, dass diese Asset-Manager Nachhaltigkeit standardmäßig in ihre Analysen aufnehmen“, unterstreicht Heimrich.

Aus der Anlegerbrille scheinen sich die Ansätze zu lohnen. Früher hieß es mitunter, ein gutes Gewissen müsse mit Ertragsnachteilen erkauft werden. Das war ein Irrglaube. „Immer mehr Studien belegen: Mit einer nachhaltigen Anlagestrategie steigt der Ertrag“, sagt André Härtel von Scope Analysis. Für die vergangenen fünf Jahre etwa errechnet er bei so ausgerichteten Aktienfonds einen durchschnittlichen Jahresertrag von mehr als elf Prozent, während Produkte ohne diesen Anspruch weniger als zehn Prozent erreichen.

Nachhaltige Investoren brauchen einen langen Atem – weiß Marathon-Mann Mennel. Er verbringt bis zu 14 Stunden täglich mit Laufen, hat schon vor über zwei Jahrzehnten Läufe aus Anlass des Welt-Klimagipfels organisiert.

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